Einleitung

 

Aufbruch in eine Kultur der Potenzialentfaltung.

„Bildung muss heute Potenzialentfaltung sein. Wissensvermittlung stellt lediglich den Rohstoff bereit. Erst die Potenzialentfaltung bestimmt, was jeder Mensch daraus kreativ gestalten kann.“ Margret Rasfeld
Aufgabe von Schule ist es, Kinder zukunftsfähig zu machen: ihnen Instrumente in die Hand zu geben, um in dieser Zukunft manövrierfähig zu sein. Kinder, die heute zur Schule gehen, haben eine Zukunft vor sich, die sich radikal von all dem unterscheiden wird, was wir kennen. Eine wesentliche Herausforderung ihrer Generation wird es sein, die Lebensqualität auf unserem Planeten zu erhalten, unser Zusammenleben zu gestalten und innerhalb sich rasch verändernder Ökonomien bestehen zu können. Sie müssen flexibel, erfindungsreich und lösungskompetent sein. Sie müssen in ihre eigenen Fähigkeiten vertrauen, um sich innerhalb unberechenbarer Dynamiken orientieren zu können. Aus dieser Perspektive lässt sich Lernen nicht mehr auf die Reproduktion von Fakten reduzieren. Lernen bedeutet vielmehr, in einen aktiven Dialog mit einer Sache zu treten und sich auf Veränderungsprozesse einzulassen: Wir brauchen eine neue Perspektive auf Lernende. Lernende sind nicht länger Gefäße, die es zu füllen gilt. Sie sind Individuen, die ein großes Spektrum an Fähigkeiten und Möglichkeiten in sich tragen, die sich entfalten wollen. Der UNESCO Report zur Bildung im 21. Jahrhundert definiert Lernen als den Prozess, in dem die verborgenen Schätze gehoben werden, die in jedem Menschen angelegt sind. Bildung ist dem Report zufolge ein allumfassender lebenslanger Prozess, der auf vier Säulen ruht, die gleichwertig zusammenwirken: - Lernen, Wissen zu erwerben. - Lernen zu handeln. - Lernen zusammen zu leben. - Lernen zu sein. Auf dieser Grundlage wurde ein Konzept für Gestaltungskompetenzen erarbeitet. Sie sind die Voraussetzungen dafür, um in der Welt des 21. Jahrhunderts handlungsfähig zu sein. Komponenten einer Bildung für nachhaltige Entwicklung, die gestaltungskompetentes Entscheiden und Handeln ausmachen, sind: - weltoffen und mit neuen Perspektiven Wissen aufbauen - vorausschauend Entwicklungen analysieren und beurteilen können - interdisziplinär Erkenntnisse gewinnen und handeln - gemeinsam mit anderen planen und handeln können - an kollektiven Entscheidungsprozessen teilhaben können - sich und andere motivieren können, aktiv zu werden - die eigenen Leitbilder und die anderer reflektieren können - selbständig planen und handeln können - Empathie für andere zeigen können Quelle: Bildung für nachhaltige Entwicklung, Transfer 21 Erst wenn sich die individuellen Fähigkeiten eines jeden Menschen ausbilden dürfen, können sie wirksam werden. Dann entstehen nicht nur individuelle Perspektiven und Gestaltungskompetenzen, sondern – im Zusammenwirken dieser vielfältigen Potenziale – Gestaltungsoptionen für unsere zukünftigen Lebenswelten. Lernen als lebendige Interaktion mit der Welt Um die Voraussetzung für Potenzialentfaltung zu schaffen, brauchen wir eine neue Lernkultur an unseren Schulen. Diese ist mit einem Paradigmenwechsel verbunden, der eine tiefgreifende Veränderung der tradierten Schule mit sich bringt, tiefgreifende Veränderung der bisherigen Muster und Prinzipien. Das Geheimnis dieser neuen Lernkultur beruht auf dem Perspektivwechsel vom Belehren zum Lernen. Wobei „Lernen“ in dem Sinne zu verstehen ist, dass vielfältige Erfahrungsräume eine lebendige Interaktion mit der Welt ermöglichen und individuelle Entwicklungsprozesse erlauben. Lern- und Hirnforschung können längst erklären, was passiert, wenn Kinder beim Entdecken der Welt ihre persönlichen Interessen verfolgen und ihren Leidenschaften nachgehen können. Der Hirnforscher Gerald Hüther beschreibt, wie wichtig Begeisterung in diesem Zusammenhang ist:
Zwanzig bis fünfzig mal am Tag erlebt ein Kleinkind einen Zustand größter Begeisterung. Und jedes Mal kommt es dabei im Gehirn zur Aktivierung der emotionalen Zentren. Die dort liegenden Nervenzellen haben lange Fortsätze, die in alle anderen Bereiche des Gehirns ziehen. An den Enden dieser Fortsätze wird ein Cocktail von neuroplastischen Botenstoffen ausgeschüttet. Diese Botenstoffe bringen nachgeschaltete Nervenzellverbände dazu, verstärkt bestimmte Eiweiße herzustellen. Diese werden für das Auswachsen neuer Fortsätze, für die Bildung neuer Kontakte und für die Festigung und Stabilisierung all jener Verknüpfungen gebraucht, die im Hirn zur Lösung eines Problems oder zur Bewältigung einer neuen Herausforderung aktiviert worden sind. Das ist der Grund, warum wir bei all dem, was wir mit Begeisterung machen, auch so schnell immer besser werden. Jeder kleine Sturm der Begeisterung führt gewissermaßen dazu, dass im Hirn ein selbsterzeugtes Doping abläuft. So werden all jene Stoffe produziert, die für alle Wachstums- und Umbauprozesse von neuronalen Netzwerken gebraucht werden. So einfach ist das: Das Gehirn entwickelt sich so, wie und wofür es mit Begeisterung benutzt wird. Gerald Hüther: Begeisterung ist Doping für Geist und Hirn
Ausführliches Interview mit Gerald Hüther: Damit sich Kinder auf dieser Grundlage auch in der Schule weiterentwickeln können, brauchen wir einen Wandel an unseren Schulen. Schulen sollten sich in Orte verwandeln, an denen Kinder die Welt erproben und ihre Fähigkeiten entfalten können. Orte, an denen es möglich ist, eigene Interessen zu verfolgen und individuelle Wege des Dialogs mit der Welt aufzunehmen. Orte, an denen Kinder erfahren, was es heißt zu handeln, wo sie Verantwortung übernehmen können und Herausforderungen bewältigen dürfen. Hierfür brauchen sie Menschen, die an sie glauben, sie ermutigen und auf ihren individuellen Wegen unterstützen. Sie sollten die Gelegenheit haben, Vertrauen in ihre eigenen Möglichkeiten, Fertigkeiten und Fähigkeiten entwickeln zu können. Sie sollten die Erfahrung machen können, dass es möglich ist, gemeinsam mit anderen Probleme zu lösen und dass die Welt Sinn und Geborgenheit bieten kann. Dies erfordert eine andere Perspektive auf unsere Kinder als Lernende als jene, die wir in unseren Schulen bisher praktiziert haben. Prinzipien der Potenzialentfaltung Jedes Kind ist einzigartig. Jedes Kind zählt und ist willkommen. Die Kinder sind die größte Ressource, die wir haben. Unsere Handlungen konzentrieren sich darauf, die Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen sie ihre jeweiligen Fähigkeiten entfalten können. Alle Begabungen und Talente sind wertvoll und werden gefördert. Kinder haben unterschiedliche Interessen, Lerngeschwindigkeiten und Motivationsphasen. Daher sollte jedes Kind den Raum für seine individuellen Entwicklungsprozesse bekommen. Schulen sollten Erfahrungsräume sein. Beim erfahrungsorientierten Lernen wirken Kopf, Herz und Hand zusammen. Daher sollten Lernarrangements so angelegt sein, dass diese aktiviert werden. Wenn Begeisterung der Schlüssel zu gelingenden Lernprozessen ist, dann muss der Wissenserwerb auch die Lebenswelten und Leidenschaften der Kinder einbeziehen. Lernen ist ebenso ein individueller Prozess, als auch eine kollektive Erfahrung. Lernen in der Gruppe ist wesentlich, um im Team handlungsfähig zu sein. Es ist wesentlich, um zu erfahren, dass das Zusammenwirken unterschiedlicher Fähigkeiten wichtig für das Lösen komplexer Probleme und die Entwicklung von Gestaltungsoptionen ist. Kinder brauchen bei der Entfaltung ihrer besonderen Fähigkeiten Unterstützung, Herausforderungen und ermutigende Begleitung. Verbindliche Beziehungen, Vertrauen und Wertschätzung sind die Basis gelingender Lernprozesse. Ausblick Gewohntes und Vertrautes zu verändern, erfordert Mut und Entdeckerfreude. Wenn der Transformationsprozess in die Potenzialentfaltungskultur gelingt, ergeben sich neue Handlungsräume und Perspektiven für jede Schule. Der Kompass will helfen, sich in diesem Feld zu orientieren. Er bietet – in Form von 10 Themenfeldern – Inspirationen, Anregungen und Beispiele, wie sich die Prinzipien einer neuen Lernkultur umsetzen lassen. Schulen sind unterschiedlich. Sie werden durch die Menschen geprägt, die sie gestalten, und durch ihr Umfeld. Auch wenn sich Schulen aufmachen hin zu einer Kultur der Potenzialentfaltung, auch dann werden sie am Ende unterschiedlich bleiben. Für jede Schule wird eine andere Herausforderungen hiermit verbunden sein. Daher will dieser Kompass keine Bedienungsanleitung sein. Aber er kann Impulse geben, um sich den Paradigmenwechsel bewusst zu machen, den der Umgestaltungsprozess mit sich bringt. Der Kompass zeigt Beispiele auf, wo und wie dieser bereits vollzogen wird und stellt hilfreiche Informationen zur Verfügung. Am Ende wird jedoch gestalten die Akteure vor Ort ihre Schule geben ihr ihre besondere Prägung: Pädagoginnen und Pädagogen, Schulleiterinnen und Schulbehörden, Kommunalvertreter und nicht zuletzt die Schülerinnen und Schülern und ihre Eltern.

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