9. Arbeitsstrukturen

Von separierten Einheiten zu kollaborativen Lern-Arrangements. Kapitel 9 als PDF-Download Eine Schule, die eine Transformation zur Potentialentfaltung vollziehen möchte, braucht entsprechende strukturelle Rahmenbedingungen. Mit dem Perspektivwechsel von der Wissensvermittlung hin zum gemeinsamen Lernen ist die Umsetzung einer neuen Lernkultur verbunden, die wiederum völlig andere Strukturen erfordert als jene, die wir von der tradierten Schule kennen. Ulrike Kegler “Arbeitsstrukturen” für Schule im Aufbruch from Schule im Aufbruch on Vimeo. Videostatement: Ulrike Kegler, Schulleiterin der Montessorioberschule Potsdam
Eine Schule, die eine Transformation zur Potentialentfaltung vollziehen möchte, braucht entsprechende strukturelle Rahmenbedingungen. Mit dem Perspektivwechsel von der Wissensvermittlung hin zum gemeinsamen Lernen ist die Umsetzung einer neuen Lernkultur verbunden, die wiederum völlig andere Strukturen erfordert als jene, die wir von der tradierten Schule kennen. Ulrike Kegler, Schulleiterin

Inhalt:

1. Arbeitsstrukturen. Von separierten Einheiten zu kollaborativen Lern-Arrangements. 2. Möglichkeiten, Beispiele, Links 2.1 Lernarrangements 2.2 Stundenpläne 2.3 Strukturen der Zusammenarbeit des Schulteams 1. Arbeitsstrukturen. Von separierten Einheiten zu kollaborativen Lern-Arrangements. Schulen, die eine Kultur der Potenzialentfaltung etablieren möchten, brauchen andere strukturelle Rahmenbedingungen als traditionelle Schulen. In der tradierten Schule dominiert primär eine Lernkultur der Wissensvermittlung: In der Regel unterrichten Lehrer in separierten Fachgebieten im 45 Minutentakt. Jeder Lehrer ist für seine Unterrichtsgestaltung selbst verantwortlich und bereitet diese alleine vor. Meist sind Lehrende vormittags in der Schule und arbeiten nachmittags zuhause. So bleibt wenig Raum für Kollaboration oder Austausch mit Kollegen. Das ständige Wechseln zwischen verschiedenen Klassen und das Arbeiten im 45-Minuten–Takt erschwert zudem, dass sich Schüler und Lehrer gut kennenlernen und verbindliche Beziehungen aufbauen können. Eine Kultur der Potenzialentfaltung erfordert Arbeitsstrukturen, die das Zusammenwirken und die Zusammenarbeit aller Pädagogen ermöglichen. Eine Lernkultur, die individuelles, selbstorganisiertes und auf Erfahrung basierendes Arbeiten praktiziert, braucht den Raum für vielfältige Lernarrangements und für verbindliche Zusammenarbeit zwischen Schülern und Pädagogen. 2. Möglichkeiten, Beispiele, Links 2.1 Lernarrangements Wenn eine Schule Lernarrangements schaffen möchte, die individuelles Lernen, Selbstorganisation, vernetztes Denken, Kollaborationen, verantwortliches Handeln und demokratische Kompetenzen fördern, muss sie so organisiert sein,
  • dass Schüler ihr Lernen selbst in die Hand nehmen können und eigenverantwortlich gestalten können. Beispiel: Lernbüro, Projekte Werkstätten.
  • dass Lehrer und Schüler verbindliche Beziehungen eingehen können.
  • dass alle über Fachgrenzen hinweg themenspezifisch zusammenarbeiten können.
  • dass alle ihre Interessen verfolgen und vertiefen können. Beipiel: Projekte und Werkstätten.
  • dass alle das Schulleben auf verschiedenen Ebenen mitgestalten können.
  • dass alle wertschätzend und achtsam miteinander umgehen.
  • dass das Schulklima durch eine offene und einladende Atmosphäre geprägt wird.
Die Lernarrangements müssen so beschaffen sein, dass
  • sich individuelles Arbeiten mit Fachlernen kombinieren lässt.
  • Schüler – neben einem Pflichtteil – Wahlmöglichkeiten haben.
  • Lernen in heterogenen Gruppen stattfindet , d.h. Strukturen für
  • individualiserten und binnendifferenzierten Unterricht vorhanden sind.
  • Erfahrung von Selbstwirksamkeit, Verantwortung und Gestaltung möglich sind.
Lernarrangements am Beispiel der ESBZ: Klassenzeit. Was wollen wir besprechen? Klassenrat – Diskusssion – good news – aktuelle Fragen, besondere Gedenk-, Fest-, Ereignis-, Geburtstage, Lesen – Kommunizieren – Präsentieren Basics – Was will ich machen? Das Lernen mit Bausteinen im „Lernbüro“. Das Lernen entlang meiner Schwerpunkte und Fähigkeiten. „Ich kann“ statt „Du sollst“. Projekt – Was wollen wir machen? Das Lernen in Zusammenhängen. Das Lernen im Team. Das Lernen im Leben an ernsthaften Aufgaben. Werkstatt – Was sind meine Interessen und Fähigkeiten? Das Lernen nach Neigungen und Interesse. Das Ausprobieren. Das Lernen im Leben, das Lernen an Herausforderungen.

Zurück zur Kapitelübersicht

2.2 Stundenpläne Stundenpläne sollten Raum und Zeitfenster für unterschiedliche Lernarrangements berücksichtigen:
  • Arbeitsblöcke von 90 Minuten ermöglichen intensivere Arbeitssituationen als das Arbeiten im 45 Minutentakt.
  • Tägliche feste Unterrichtseinheiten für Lernbüros ermöglichen selbststorganisiertes und individuelles Arbeiten in Fachkontexten Deutsch, Mathematik, Natur und Gesellschaft, Englisch.
  • Fachunterrichtseinheiten für Sprachen, Sport, Natur und Gesellschaft, Mathematik.
  • Ein wöchentliches Zeitfenster von sechs Stunden für Projektarbeit ermöglicht ein konzentriertes Arbeiten, eine flexible Gestaltung von Projekten und die Einbeziehung außerschulischer Kontexte und Experten.
  • In Werkstätten – als individuelles Lernarrangement – können Schüler interessenverstärkend auswählen. Es gibt jeweils einen Pflichtteil und einen freiwilligen Teil. Werkstätten können auch Vertiefungsabgebote in künstlerischen Bereichen, Musik, Naturwissenschaften, Gesellschaft und Politik, Sport, Informatik, Wirtschaft, Sprache und Fremdsprachen o.ä. sein.
  • Klassenstunden: In diesen werden Klassenthemen behandelt und Diskussionen zu aktuellen Fragen geführt.
  • Zeit und Raum für Reflexionsgespräche zwischen Schülern und Lehrern.
Beispiel von Lernarrangements und Stundenplan der Evangelischen Schule Berlin Zentrum:

Zurück zur Kapitelübersicht

2.3 Strukturen der Zusammenarbeit des Schulteams Für die Gestaltung der Arbeitsstrukturen ist es erforderlich, dass alle Beteiligten zusammenwirken. Unterschiedliche Kompetenzen können sich gegenseitig bereichern! So kann der Schulleiter – auf der Ebene der Gesamtorganisation – Verantwortungsbereiche an Kollegen abgeben, wie im Kapitel „Schule als lernende Organisation“ beschrieben. Das Schulteam kann auf der Ebene des Gesamtteams neue Organisationsstrukturen entwickeln, die wiederum die Umsetzung unterschiedlichster Arbeitsstrukturen ermöglicht. Neben dem Gesamtteam einer Schule kann es Kleinteams geben, die ihre Aufgaben eigenverantwortlich organisieren. Vertreter dieser Kleinteams agieren in verschiedenen Gremien und vertreten die Interessen der Kleinteams gegenüber der Schulleitung und gegenüber dem Großteam. Kleinteams ermöglichen zudem eine andere Arbeitsstruktur mit den Schülern: An der Evangelischen Schule Berlin Zentrum besteht ein Kleinteam aus einem Verbund von 3 Klassen mit je 2 Klassenlehrern, die räumlich nebeneinander angesiedelt sind. Das Team nutzt gemeinsam die Lernbüros. Die Klassenlehrer sind gleichzeitig Fachlehrer im Kleinteam für die entsprechenden drei Klassen. Somit können sich Lehrer und Schüler gut kennenlernen und haben Zeit verbindliche Beziehungen aufzubauen. Die Lehrer können sich über die Schüler austauschen und bei entsprechenden Problemen gemeinsam überlegen, wie sie diese lösen wollen. Die Teams können zudem Projekte gemeinsam entwickeln und gemeinsam Exkursionen und Klassenfahrten veranstalten. Für die Schüler erweitert sich ihr unmittelbarer sozialer Kontext vom Klassenverband in die Kleinteams. Die Expertisen der Lehrer können in eine gemeinsame Gestaltung der Lernarrangements fließen. Die Lernarrangements werden permanent reflektiert und weiterentwickelt und können von allen genutzt werden. So bleibt Raum für andere Aufgaben. Kollaborationen bieten sich in folgenden Bereichen an:
  • bei der fächerübergreifenden Gestaltung von Lernarrangements, wie z.B. Lernbüro, Unterrichtsreihen, Projekten, Werkstätten. Fachlehrer arbeiten zusammen. Sie entwickeln gemeinsam Themen sowie die inhaltliche und zeitliche Planung und reflektieren und dokumentieren die Umsetzungsprozesse.
  • Fachlehrer entwickeln gemeinsam Materialien, mit deren Hilfe die Kinder selbstständig arbeiten können.
  • Teamkollegen tauschen sich regelmäßige über die Lernfortschritte der Schüler aus.
Zudem kann eine Schule Strukturen schaffen, in denen sich Eltern, Schüler und das Schulteam einbringen und gegenseitig unterstützen können um ihre Schule weiterzuentwickeln. Siehe auch: Lernen Wissen zu erwerben: Lernbüro; Rolle der Pädagogen

Zurück zur Kapitelübersicht

Weitere Beispiele: Beispiel 1: Auch die Grundschule Kleine Kielstrasse in Dortmund setzt auf professionelle Kooperation durch entsprechende Arbeitsstrukturen. Diese unterstützen die einzelnen Lehrer und helfen, eine gemeinsame Arbeit zu unterstützen. In Jahrgangsstufenteams und thematischen Teams werden gemeinsam Aufgaben bearbeitet und die Qualität der gemeinsamen Arbeit weiterentwickelt. Eine ausführliche Beschreibung findet sich auf der Website der Schule Beispiel 2: Wie sich an einer Schule mit 1500 Schülern und 130 Lehrern eine Teamstruktur umsetzen lässt, zeigt die Georg-Christoph-Lichtenberg Gesamtschule in Göttingen. Nachzulesen auf der Website der Schule. Weitere Informationen unter: http://schulpreis.bosch-stiftung.de Beispiel 3: The School@Columbia ist eine Schule in New York, USA, mit einer schulinternen Abteilung für Innovation und Schulentwicklung. Diese Abteilung organisiert Projekte mit außerschulischen Partnern, entwickelt neue Unterrichtsformate und arbeitet eng mit den Fachlehrern zusammen. So können unabhängig vom regulären Schulalltag und den Anforderungen an die Fachlehrer neue Projekte entstehen und in der Schule weiterentwickelt vorangetrieben werden, wie beispielsweise „Tools at School“. http://theschool.columbia.edu/ http://www.tools-at-schools.com/ Beispiel 4: Open Office, Chit Chat und KoKO – Das „LehrerInnenzimmer“ an der Montessori Oberschule Potsdam Die Montessori Oberschule in Postdam zeigt, wie ein neues Arbeits- und Teamverständnis der Pädagogen in der Gestaltung des Lehrerzimmers in der Realität aussehen kann: Das klassische Lehrerzimmer wird durch drei miteinander verbundene Räume ersetzt: Als erstes betritt man das sogenannte Open Office, einen zentral gelegenen Informationsraum. Hier befinden sich Ablagefächer für jeden Lehrer, es gibt ein Informationsdesk mit verschiedenen Materialien sowie einen Konferenztisch. Dieser Tisch ist immer leer – es finden sich keine Spuren vorangegangener Nutzung. Alles ist aufgeräumt, übersichtlich und klar strukturiert. Diese Klarheit zeichnet auch den nächsten Raum aus, den Konzentrations- und Kontemplationsraum, genannt KoKo. In diesem befinden sich Arbeitsplätze mit Computern für die Lehrer. Hier gilt die Regel der Stille; es finden keine Gespräche statt, jeder soll sich auf seine Arbeit konzentrieren können. Der dritte Raum wird als Chit Chat bezeichnet, er ist der Kommunikationsraum. Hier kann sich das Team austauschen und entspannen. Es gibt gemütliche Sessel, eine Küchenzeile und einen Stehtisch. Der gesamte Lehrerbereich wirkt wie die Adaption der „vorbereiteten Umgebung“ Maria Montessoris auf die Arbeitssituation des pädagogischen Teams. „Wir haben genau überlegt, was wir brauchen und wie wir dies optimal organisieren können. Es gibt nichts Überflüssiges,“ sagt die Schulleiterin Ulrike Kegler. Klare Strukturen – verbunden mit einer intelligenten Nutzung – sind dabei nicht nur Ausdruck eines professionellen Arbeitsverständnisses von Pädagogen, die den ganzen Tag an der Schule verbringen. Darüber hinaus zeugt das Lehrerzimmer von einem gelebten respektvollen Umgang des Teams miteinander und mit der gemeinsamen Arbeit. Einblick in die Montessori Oberschule Potsdam gibt das Buch: Ulrike Kegler; „In Zukunft lernen wir anders. Wenn die Schule schön wird“, 2009, Beltz Verlag Weinheim Ausführliche Informationen zur Schule finden sie auf der Homepage unter: www.montessori-potsdam.de Hinweis: Sie können das gesamte Kapitel 9 “Arbeitsstrukturen” als PDF herunterladen.

Zurück zur Kapitelübersicht