7. Kompetenznachweis

Von der Lernkontrolle zur wertschätzenden Leistungsrückmeldung Kapitel 7 als PDF-Download Gerald Hüther “Kompetenznachweis” für Schule im Aufbruch Version2 from Schule im Aufbruch on Vimeo. Videostatement: Gerald Hüther, Biologe und Hirnforscher Nicht die Leistungsbewertung als Selbstzweck steht hier im Vordergrund, sondern der Prozess des Lernens selbst. Kompetenznachweise im Sinne wertschätzender Rückmeldung, verbunden mit beratender Unterstützung sind ein wesentlicher Bestandteil der Potenzialentfaltung.
Suche nicht nach Fehlern, suche nach Lösungen. Henry Ford

Inhalt:

1. Kompetenznachweis. Von der Lernkontrolle zur wertschätzenden Leistungsrückmeldung. 2. Beispiele und Möglichkeiten, Links 2.1. Wertschätzende Leistungsrückmeldung 2.2. Arbeits- und Talentportfolio 2.3. Beispiele des Gelingens würdigen 1. Kompetenznachweis. Von der Lernkontrolle zur wertschätzenden Leistungsrückmeldung.
Kern aller menschlichen Motivation ist es, Anerkennung, Wertschätzung und Zuwendung zu finden und zu geben. Joachim Bauer Hirnforscher
Leistungsbewertung durch Ziffernnoten Die tradierte Schule setzt auf die Messbarkeit von Leistung. Das entsprechende Bewertungssystem geht von einem Leistungsprinzip aus, das auf das Funktionieren der Industriegesellschaft ausgerichtet war. Spezifische Fähigkeiten, die für die ökonomischen Strukturen des Industriezeitalters gebraucht wurden, sollten messbar und verfügbar gemacht werden. Dies zielte darauf, die Produktivität, den Lebensstandard und den Fortschritt der Industriegesellschaft zu sichern. Ein solches Bewertungssystem setzt auf Selektion und Wettbewerb: Jeder erhält seinen Platz in der Gesellschaft entsprechend seiner Leistung. Bis heute misst die tradierte Schule Leistungen mittels Ziffernnoten, die erbrachten Leistungen werden auf einer Skala von 1 bis 6 bewertet. So entsteht der Eindruck von Objektivität und Vergleichbarkeit. Was sie über den tatsächlichen Entwicklungsstand eines Lernenden aussagen, ist jedoch umstritten. Leistungsbewertung als Teil des Lern- und Erziehungsprozesses basiert auf einem alten Erziehungsideal. In diesem galt Sanktion als ein Instrument, um Verhalten zu optimieren. Entmutigung, Beschämung und Angst sind Elemente dieser Logik. Wissenserwerb wird hier an Prüfungsdruck gekoppelt. Individuelle Fähigkeiten können innerhalb dieser Logik nur begrenzt entfaltet werden. Solange Leistungsbewertungen über die Zukunftschancen eines Kindes entscheiden, hat dieses wenig Spielraum, seine eigenen Lernwege zu entwickeln, zu forschen und über Versuch-und-Irrtum zu eigenen Lösungen zu finden. Die innere Logik des tradierten Bewertungssystems basiert auf einem Defizitblick. Dieser erschwert vertrauensvolle Beziehungen zwischen Lernenden und Lehrern. Ein Lehrer, der Kinder instruieren und ihre Leistung bewerten muss, kann nur begrenzt eine vertrauensvolle Beziehung zu ihnen aufbauen. Noten schaffen Hierarchien zwischen den Lernenden. Sie fördern Konkurrenz und Ich-Wettbewerb. Jeder versucht, seine Fähigkeiten so optimal wie möglich anzupassen, um in eine angestrebte Position zu gelangen. Dies entspricht jedoch nicht den Anforderungen einer modernen Arbeitswelt, in der zunehmend Teamwork, Kollaboration und Multiperspektivität gefragt sind. Nicht in der Abgrenzung, sondern im Zusammenwirken unterschiedlicher Fähigkeiten und Sichtweisen finden sich neue Lösungen für entsprechende Herausforderungen.
„Gute Beziehungen und Vertrauen, Anerkennung und Auszeichnung sind entscheidende Faktoren für Motivation, für Lernen, das Weiter-Lernen-Wollen, das Engagement von Kindern und Jugendlichen. Das Gute herauszuheben, ist anspornender als Sanktionen. Wir wissen es aus der Psychologie und zahlreiche Studien belegen es: Was unsere Aufmerksamkeit erhält, wächst.“ Margret Rasfeld
Wertschätzende Leistungsrückmeldung durch Portfolio und Feedback-Kultur Da Potenzialentfaltung Vertrauen, Ermutigung und Wertschätzung braucht, muss sich auch der Umgang mit Leistungsrückmeldungen ändern. Inzwischen wissen wir, das nicht Druck, sondern gute Beziehungen entscheidend für Motivation, Engagement und gelingendes Lernen sind. Lernprozesse, die von vornherein auf Bewertung ausgerichtet sind und den Leistungsnachweis im Fokus haben, reduzieren Lernen auf eine Taktik, um Prüfungen zu bestehen. Lernen im Sinne einer Kultur der Potenzialentfaltung dagegen bedeutet, mit den eigenen Möglichkeiten in Kontakt zu kommen. Die hiermit verbundenen Lernprozesse können langwierig sein, sie können Umwege mit sich bringen. In ihnen kann Scheitern eine Erfahrung und Neuorientierungen erforderlich werden. Nicht die Bewertung steht hier im Vordergrund, sondern der Prozess des Lernens selbst, zu dem auch Umwege gehören und innerhalb dessen, eigene Hypothesen verfolgt werden können. Wichtig ist, dass Kompetenzfeststellung kein Selbstzweck bleibt. Vielmehr sollte diese als Rückmeldung sinnvoll in den Lernalltag integriert sein. Damit die Lernenden ihre persönlichen Leistungen richtig einschätzen können, bedarf es also differenzierter und neuer Formen der Rückmeldung. Eine Feedback-Kultur, die das Gelungene hervorhebt und Anregungen für die Weiterarbeit gibt, ist anspornender als sanktionierende Bewertungen. Sie hilft, das Lernen zu reflektieren und die eigenen Leistungen einzuschätzen. Sie ermöglicht, die Lernenden als Individuen anzuerkennen und wahrzunehmen, und somit eine Vielfalt des Lernens zuzulassen. Siehe auch: Neue Rolle des Lehrers, Wissenserwerb

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2. Beispiele und Möglichkeiten, Links 2.1. Wertschätzende Leistungsrückmeldung Tutorengespräche Eine wertschätzende Leistungsrückmeldung durch Lerncoaches oder Tutoren bedeutet, dass der Entwicklungsprozess jedes einzelnen Kindes in den Fokus genommen wird. Sie begleitet und fördert den Lernprozess und erkennt die erbrachten Leistungen an. Erwartungen und Ansprüche werden mit Anregungen verbunden und zugleich mit Konsequenz, d.h. die erbrachten Leistungen werden gemeinsam mit den Kindern reflektiert. Und es werden verbindliche Vereinbarungen für die Weiterarbeit getroffen. Zertifikate Durch die Vergabe von Zertifikaten kann eine individuelle und zugleich anspornende Leistungsrückmeldung erbracht werden. Nachdem die Schüler z.B. im Lernbüro einen Lernbaustein bearbeitet haben, können sie sich zu einem Test anmelden. Haben sie diesen erfolgreich absolviert, erhalten sie ein Zertifikat, das ihnen differenziert Rückmeldung über ihre erbrachte Leistung gibt: Es erläutert, was ihnen gut gelungen ist und wie sie sich noch verbessern können. Auch für Projekte oder Werkstätten kann diese Form des Kompetenznachweises vergeben werden. Entsprechend der Anzahl vorgeschriebener Lernbausteine müssen die Schüler am Ende eines Schuljahrs eine Mindestanzahl von Zertifikaten nachweisen.   Bilanz und Zielgespräche Am Ende eines jeden Halbjahres findet ein Bilanz- und Zielgespräch statt. Hierzu kommen Schüler, Tutoren und Eltern zusammen, um gemeinsam das zurückliegende Halbjahr zu reflektieren. Die Kinder schätzen ihre Leistungen selbst ein und erläutern, was ihnen gut bzw. was ihnen nicht so gut gelungen ist und woran dies liegen könnte. Die Tutoren geben eine Einschätzung aus ihrer Wahrnehmung und vereinbaren gemeinsam mit den Kindern Ziele für das kommende Halbjahr. Reflexion und Ziele müssen sich nicht nur auf fachliche Leistungen beziehen, sie können auch Sozialverhalten, Befindlichkeiten und persönliche Leidenschaften zum Thema haben. Der folgende Film beinhaltet eine Reflexion von Katrin Cunow, Lehrerin an der Evangelischen Schule Berlin-Zentrum zum Bilanz- und Zielgespräch.einer Lehrerin. Katrin Cunow – Interview from Schule im Aufbruch on Vimeo. Lernentwicklungsbericht In einem ausführlichen Lernentwicklungsbericht werden die erbrachten Leistungen der Kinder dokumentiert: Die Tutoren sowie die Fachlehrer beschreiben den individuellen Entwicklungsstand des Kindes. Auf diese Weise erhält das Kind ein detailliertes Feedback zu seinen Leistungen und sieht genau, an welcher Stelle es steht oder wo es nachbessern sollte. Auszug aus einem Lernbericht:
Deutsch: Liebe Anna, Du gehörst zu den selbstständigsten Schülern des Deutsch-Lernbüros, bist strukturiert , orientiert und arbeitest deine Themen zielstrebig durch. Anfangs hast Du wie gewohnt vieles zeitgleich und in engem Austausch mit deiner Lernpartnerin Luise bearbeitet. Ich fand es schön zu sehen, dass du nach einer Weile, deine eigenen Schwerpunkte gesetzt hast. Du kennst deine Stärken und Schwächen. Und Du bist selbstreflektiert genug, um zu entscheiden, dass Du zwischen einzelnen Bausteinen auch individuelle Übungen machen möchtest – beispielsweise um deine Rechtschreibschwierigkeiten gezielt anzugehen. Das gefällt mir gut. Du arbeitest zielorientiert, wenn auch noch nicht immer mit der nötigen Sorgfalt und Qualität. Versuche, Dich nicht an Maßstäben anderer zu messen. Finde dein eigenes Tempo, das vielleicht nicht immer das Schnellste ist, aber Dir dazu verhilft, exakter zu arbeiten. Ich bin mir sicher, dass dies die Qualität Deiner Arbeiten steigern wird. Nutze dein Wissen über Rechtschreibregeln und -strategien mehr, um Deine eigenen Texte systematisch durchzuforsten und somit Fehler auch selbst aufzuspüren. Lass Qualität vor Quantität walten, dann kannst Du gute Ergebnisse erzielen, Anna!
Siehe auch: Neue Rolle der Lehrenden, Lernbüro, Logbuch

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2.2 Arbeits- und Talentportfolio Arbeitsportfolio Ein Arbeitsportfolio kann eine von Schülern selbst gestaltete Mappe sein, in der sie Arbeitsergebnisse, Dokumente, Visualisierungen, und alle Arten von Präsentationen bis hin zu audiovisuellen Dokumentationen oder künstlerischen Arbeiten zu einem Thema sammeln. Im Portfolio dokumentieren sie ihre erworbenen Kompetenzen, Fähigkeiten und Interessen und reflektieren ihre jeweiligen Lernprozesse. Sie stellen es selbstverantwortlich zusammen. Auf diese Weise entsteht ein differenzierter Überblick über die jeweiligen Fähigkeiten, Interessen und erworbenen Kenntnisse eines jedes einzelnen Schülers. Talentportfolio Das Talentportfolio beinhaltet alles, worauf die Schüler stolz sind und was sie im Laufe ihrer Schulzeit erarbeitet haben. Als Leistungsnachweis ermöglicht ein Portfolio einen differenzierteren Überblick als ein Ziffernzeugnis. Eine Beschreibung der Portfoliomethode findet sich unter: http://methodenpool.uni-koeln.de/portfolio/frameset_portfolio.html Klappkarten Eine charmante Form des Portfolios sind sogenannte Klappkarten. Sie ermöglichen die Gestaltung eines Themas durch verschieden Aspekte und die Verknüpfung von Inhalten aus unterschiedlichen Perspektiven. Indikos – Individualisierter Kompetenznachweis Anleitungen und Material zur Methode des individualisierten Kompetenznachweis unter: http://www.perpetuum-novile.de/internationales-netzwerk/

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2.3. Beispiele des Gelingens würdigen Auszeichnungsversammlung an der ESBZ Ein Highlight der Leistungsbewertung sind die Auszeichnungsversammlungen am Ende jeden Halbjahres, bei der besonderes Engagement gewürdigt wird. “Ausgezeichnet wird jeder, der etwas Gutes vollbracht hat“, so Lara aus Klasse 9. Vorgegeben für Auszeichnungen sind der oder die “Leistungsbeste“ und der oder die “sozial Engagierteste“ und – sehr wichtig – die “Aufsteiger des Jahres“ im Leistungs- und Sozialbereich. Ansonsten sind die Vergabekategorien offen. Entscheidend hierbei ist, dass die Mitschüler diskutieren und entscheiden, wer eine Auszeichnung wofür verdient hat. So bekommt die Leistungsbeste mit, weshalb Mitschüler sie so sehen, und der Aufsteiger des Jahres im Sozialbereich, der vielleicht immer noch alle nervt, aber sich total angestrengt hat, spürt welche Achtsamkeit und Wert-Schätzung er dafür von seinen Mitschülern erfährt. Für so manchen war das die entscheidende Ermutigung zu: „Mehr davon!“ Auch die Lehrer werden in ihrem Engagement wahrgenommen und ausgezeichnet, von der Schulleitung, und von Kindern. Zum Schuljahresende feiern wir außerdem unser Verantwortungsfest, bei dem wir besondere Leistungen der Siebt- und Achtklässler in ihrem Projekt Verantwortung öffentlich würdigen. “Für mich hat das sehr viel mehr Aussagekraft, als wenn ich ein A4 Blatt bekomme mit ein paar Zahlen drauf“, sagt die Elftklässlerin Shana. “Auch die Eltern erfahren sehr viel, was für mich erst ungewöhnlich war, meine Mutter hat mir nämlich sehr viel Freiraum gelassen. Als ich an die esbz kam, hat sie plötzlich alles erfahren. Ich dachte erst, oh nein, wie peinlich, aber dann fand ich es ganz cool.“ Quelle: Margret Rasfeld, EduAction Hinweis: Sie können das gesamte Kapitel 7 “Kompetenznachweis” als PDF herunterladen.

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