5. Lernräume

Lernräume. Vom Klassenzimmer zur Lernumgebung. Kapitel 5 als PDF-Download Räume können Lern- und Arbeitsprozesse unterstützen, indem sie entsprechend gestaltet werden. Schulräume sollten so flexibel sein, dass darin möglichst viele unterschiedliche Lernphasen unterstützt und angeregt werden: Konzentriertes Arbeiten ebenso wie Gruppenarbeit, Präsentieren ebenso wie Plenum, Bewegung oder Entspannung. Christian Füller über Lernräume für “Schule im Aufbruch” from Schule im Aufbruch on Vimeo. Videostatement: Christian Füller, Journalist
Der Raum ist der dritte Pädagoge. Loris Malaguzzi

Inhalt:

1. Lernräume. Vom Klassenzimmer zur Lernumgebung 2. Möglichkeiten, Beispiele, Links 2.1 Der Raum als dritter Pädagoge 2.2 Lernumgebung selbst gestalten 2.3 Außerschulische Lernräume Der digitale Raum als Lernumgebung Projekt Herausforderung als Lernumgebung Der öffentliche Raum als Lernumgebung 1. Lernräume. Vom Klassenzimmer… Die Räume, in denen Kinder lernen, haben sich seit über hundert Jahren kaum verändert: Die Anordnung des tradierten Klassenzimmers ist auf den Lehrer und die Tafel ausgerichtet. Der Lehrer hat jedes Kind im Blick und die Kinder müssen ihre Aufmerksamkeit auf Tafel und Lehrer richten. Dieser Anordnung entspricht der Frontalunterricht als gängige Unterrichtsform: Der Lehrer steht vor den Kindern und „vermittelt“ vorbereitete Lernstoffe in festgelegtem Umfang und in definierten Zeiteinheiten. In dieser Anordnung des Klassenzimmers spiegelt sich ein Verständnis von Lehren und Lernen wider, das auf Übersicht, Vereinheitlichung und Kontrolle basiert. … zur Lernumgebungen Eine Lernkultur, die auf individuelles Lernen, Selbstorganisation, Vielfalt und Potenzialentfaltung setzt, hat andere Anforderungen an Räume: In ihnen sollen Lernende individuell und in Gruppen arbeiten sowie selbstständig mit Lernmaterialien umgehen können. Die Räume müssen flexibel gestaltet sein und Rückzugsmöglichkeiten für konzentriertes Arbeiten . Gleichzeitig müssen sie Platz für Interaktionen, Dialoge und Präsentationen bereitstellen. In dieser Lernkultur verwandeln sich Klassenräume in Experimentierwerkstätten und Forschungslabore. Damit sich Schüler als Forscher, Erfinder, Designer und Unternehmer erproben können, brauchen sie ein Umfeld, in dem sich Ideen entwickeln und umsetzen lassen. Räume können unterschiedliche Anforderungen an Lern- und Arbeitsprozesse unterstützen, indem sie entsprechend gestaltet werden. Lernprozesse unterteilen sich dabei in verschiedene Modi des Denkens und Handelns, die sich auch in der Gestaltung der Räume widerspiegeln sollten, wie z.B.: Stimulation – als Inspiration und Aktivierung von Denkprozessen; Reflexion – als eine Periode der Fokussierung, die eine konzentrierte Atmosphäre braucht; Kollaboration – die den Austausch von Ideen, Kommunikation und Interaktion ermöglicht. Spiel – das in ungezwungener Atmosphäre stattfindet, in der das kreative Potenzial der Schüler zum Ausdruck kommen kann. Schulräume sollten so flexibel sein, dass darin möglichst viele dieser unterschiedlichen Phasen unterstützt und angeregt werden und spontane Wechsel der Sozialformen des Lernens möglich sind. Offene Lernlandschaften zeichnen sich durch ein reizvolles architektonisches Wechselspiel zwischen intimen Lernräumen und öffentlichen Erschließungszonen aus. Hier können sich Schüler in konzentrierten Phasen zurückziehen. Gleichzeitig sind die Räume offen und transparent und ermöglichen, den Austausch zwischen den Projektbeteiligten oder den Teammitgliedern. Für kreative Phasen wiederum ist eine entspannte Atmosphäre wichtig: Der Raum kann mit Sitzkissen oder Sitzelementen ausgestattet sein, über beschreibbare Flächen, Whiteboards und Pinnwände verfügen, inspirierendes Material sowie genügend Bewegungsfreiheit bieten. Für Entscheidungsfindungen eignen sich Strukturen eines Meetingraums, in dem klare Rollen und Regeln definiert werden. Für die Anforderungen an den Raum, in dem Austausch und Kommunikation stattfinden, kann das Wiener Café mit seinen vielen Tischinseln inspirieren; und zur Entspannung das heimelige Wohnzimmer. Selbst ein Wellness Spa kann Vorbild für die Gestaltung einer Lernumgebung sein, in der neue Energie getankt wird. Lernräume in all ihrer Unterschiedlichkeit sollten Entfaltungsräume sein, in denen sich Kinder erproben und zu Menschen mit Visionskraft entwickeln können. Räume lassen sich gut in ansprechende Lernumgebungen verwandeln, indem das Format des Klassenzimmers aufgelöst wird. Die Struktur des Klassenzimmers kann z.B. durchbrochen werden, indem Raum für Sitzecken, Nischen und Arbeitsflächen geschaffen wird. Materialien, die zum selbstständigen Arbeiten einladen, brauchen definierte Plätze. Regale sorgen für Übersichtlichkeit und erlauben den Schülern, selbstständig darauf zuzugreifen. Offene Flächen erlauben flexible Nutzungsmöglichkeiten. Daher empfiehlt es sich, Mobiliar zu verwenden, das eine schnelle Veränderung der Räume ermöglicht.

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2. Möglichkeiten, Beispiele, Links 2.1 Der Raum als dritter Pädagoge - Die Verwandlung eines Klassenzimmers in eine Lernumgebung hat viele Aspekte. Einen guten Einblick in das Thema Design von Lernräumen bietet das Buch bzw. die Website „The Third Teacher“. - Was Lernumgebungen sein können beleuchtet der Film „Der Raum ist der dritte Pädagoge“ von Reinhard Kahl. Inspiration auf Youtube. - Die Ausstellung „Fliegende Klassenzimmer“ tourte 2011 durch Österreich. Sie untersuchte das Verhältnis von neuen Lernformen und Lernräumen. Eine charmante Dekonstruktion des traditionellen Klassenzimmers findet sich auf Youtube. Das Sidney Center for Innovation in Learning (SCIL) praktiziert eine neue Lernkultur, die sich auch in der radikalen Veränderung ihrer Arbeitsräume wiederspiegelt. Auf dem Blog der Initiative playDucation: findet sich eine ausführliche Beschreibung des SCIL inklusive Filmportrait, in dem der Schulleiter Stephen Harris beschreibt, wie sich eine Schule mit 50 Klassenzimmern in eine Community mit 100 Lernräumen verwandeln lässt. SCIL Special Agents of Change from Bea Beste on Vimeo. Video: Béa Beste, playduCation

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2.2 Lernumgebung selbst gestalten In so genannten Lernbüros können Schülerinnen und Schüler individuell Lerninhalte bearbeiten. Diese sind in Form von Lernbausteinen aufbereitet und stehen zur freien Verfügung. Schon mit einfachen Regalen lassen sich Ordnungssysteme für die Lernbausteine entwerfen. Neue Lernumgebungen lassen sich oft durch Umfunktionieren des vorhandenen Mobiliars gestalten. Schüler der Evangelischen Schule Berlin Zentrum haben festgestellt, dass die handelsüblichen Schultische zu klein für die Arbeit mit ihren Lernmaterialien sind. Daher haben sie einen Tisch entwickelt, der sich je nach Anforderung umbauen lässt. Außerdem haben sie in einem Projekt ihre eigene Lernlandschaft entworfen, Filmdokumentation zu sehen unter: Lernlandschaft Web – iPhone from Schule im Aufbruch on Vimeo. Realisiert mit nextlearning Labor für neue Lernkultur http://www.nextlearning.net Beispiele von preisgünstiger und schnell umsetzbarer Gestaltung von flexiblen Lernumgebungen findet man in dem Buch: „Make Space“, das in der d.school/Universität Stanford für Design Thinking entwickelt wurde. Inspirationen aus dem Design Thinking: „Ich“ Räume und „Wir“ Räume “Ich” Räume Beim Design Thinking ist die Funktion der Arbeitsräume wesentlich für den Gestaltungsprozess: Während in bestimmten Phasen Austausch wichtig ist, um sich Ideen mitzuteilen und Feedback zu holen, ist in anderen Phasen genau das Gegenteil erforderlich: Ruhe und Konzentration. Diese Räume werden als “Ich” Räume bezeichnet. In diesen gilt die Regel: Bitte nicht stören! Die Ausstattung der Räume ist zurückhaltend. Sie unterstützt durch wenig Ablenkung ein konzentriertes Lernen und hilft dabei, die vielen Eindrücke zu verarbeiten und Ruhe einkehren zu lassen. „Wir“ Räume „Wir Räume“ sind Projekträume, in denen Fotos von der letzten Exkursion, Zettel mit Ideen und, Zeichnungen von Prototypen sowie Rechercheergebnisse überall auf den Wänden zu finden sind. Diese Räume helfen dem Team, schnell in den Projektmodus einzutauchen, sich zu inspirieren und zu helfen, den Fokus auf dem Projekt zu behalten. Hier werden Erkenntnisse, Zwischenergebnisse und Visualisierungen der nächsten Schritte kommuniziert. Schon beim Betreten des Raumes erschließt sich, wo weitergearbeitet wird. „Plenum“ Das „Plenum“ ist eine konzentrierte Form des Zusammenwirkens einer gesamten Lerngruppe. Im Plenum werden z.B. neue Methoden und Inhalte eingeführt. Hier werden Projektergebnisse vor dem Klassenverband und allen Projektbeteiligten vorgestellt, um Feedback zu erhalten. Das Plenum findet in einem sehr engen Kreis ohne Tische statt, um die Aufmerksamkeit aller Schüler in nächster Nähe zu bündeln.

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2.3 Außerschulische Lernräume Lernen findet nicht nur in Schulräumen statt. Lerngelegenheiten im Sinne von Erfahrung und Lernen in Zusammenhängen finden sich an vielen Orten: Projekte lassen sich in der Natur ebenso wie im urbanen Raum realisieren. Hier werden die Erfahrungen von Zusammenhängen sinnlicher und nachhaltiger als bei der rein theoretischen Auseinandersetzung mit einem Thema. Die Erfahrung von Selbstwirksamkeit und Verantwortung kann sich dort am besten entfalten, wo Menschen sich persönlich oder sozial herausfordern. In Kooperationen mit Universitäten und Unternehmen erleben und erfahren Schüler Einblicke in die Lebenswelt, die sie mitgestalten werden. Der digitale Raum bietet als Informationsspeicher und Interaktionsplattform neue Möglichkeiten, Wissen zu erwerben und zu teilen.

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Der digitale Raum als Lernumgebung Der digitale Raum bietet als Informationsspeicher und Interaktionsplattform neue Möglichkeiten, Wissen zu erwerben und zu teilen. Wissen ist an sehr vielen Orten der Welt zugänglich. Das Lernen hat damit längst die Ufer der einstigen Bildungsinseln hinter sich gelassen, die Schulhäuser. Seit mobile Computer in Hosen- und Handtaschen stecken und dank Flatrates immer online sind, gibt es immer mehr Möglichkeiten zur Erschließung außerschulischer Lernorte. Edunauten sind pädagogische Fachkräfte, die GPS-gestützte Bildungsrouten gestalten und führen. Auf multimedial aufbereiteten Wegen helfen sie, angstfrei neue Lernerfahrungen mit digitalen Medien zu machen.

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Projekt Herausforderung als Lernumgebung Erfahrungsräume für erfahrungsbasiertes und vernetztes Lernen lassen sich beispielsweise im Projekt Herausforderung finden, das an der Gesamtschule Winterhude HH und an der ESBZ umgesetzt wird. Bei einer dreiwöchigen Wanderung auf Korsika beispielsweise ergeben sich viele Erfahrungen und Lerngelegenheiten, die eine beteiligte Lehrerin folgendermaßen beschreibt: „Auf den Herausforderungen findet auch Fachlernen statt, aber eben so positiv ganz anders, verbunden und eingebettet in Bedeutsames. Zum Beispiel Französisch und Naturwissenschaften auf Korsika. „Auf der Herausforderung hab ich gemerkt: So viel Unterrichtsinhalt könnte ich nie in einer Stunde vorbereiten, wie ich hier so nebenbei bespreche“, sagt NaWi-Lehrerin Mandy Voggenauer, die gemeinsam mit Französischlehrerin Annette Frauendorf die 18-tägige Wanderung auf Korsika begleitet. „Als ich neu an die Schule kam, hab ich immer mal in der Klasse gefragt: Was ist Chemie? Und ganz viele haben geantwortet: ein Unterrichtsfach. Das hat mich immer enttäuscht – da geht es um Naturwissenschaften, aber es spielt sich gar nicht in der Natur ab.“ Schon in ihrem Unterricht arbeitet sie fast ausschließlich mit Projekten, durch die die Schüler die Inhalte des Rahmenlehrplans und mehr lernen. Aber auf Korsika eröffneten sich ganz neue Möglichkeiten, mit Naturwissenschaften ins Leben zu gehen. Die Gruppe wanderte in den Bergen und kam nur ab und zu durch kleine Dörfer. Alles, was sie brauchten, mussten sie im Rucksack mitnehmen. Weil die Flüge einen Großteil des 150-Euro-Budgets aufgebraucht hatten und um Gewicht zu sparen, gab es jeden Tag Müsli mit Pulvermilch und Traubenzucker zum Frühstück und Nudeln mit Tütensuppe zum Abendessen. Alleine das war schon eine Herausforderung. Zum Glück wuchsen überall auf der Insel Brombeeren, die die Kinder immer sammelten. „Einer von den Jungs hat dann in einem Dorf eine Tüte Mehl gekauft und wollte versuchen, Kekse zu backen“, erzählt Mandy Voggenauer anschließend begeistert. „Er hat es mit Traubenzucker und Wasser angerührt und aus zwei aufeinander gestellten Blechtöpfen und dem Gaskocher einen Backofen gebaut. Das hat gut geklappt!“ Daraufhin haben sich andere aus der Gruppe überlegt, dass sie ja aus Brombeeren und Zucker Marmelade kochen könnten. Und weil nach dem Essen noch was übrig war, fragten sie die Lehrerin: Können wir das jetzt noch behalten oder wird das schlecht? „Daraufhin haben wir über Konservierungsstoffe gesprochen, erst über Zucker, später auch Salz und über den Osmotischen Druck, mit dem es zusammenhängt, dass ein Bakterium abgetötet wird.“ Ein Moment ist ihr als Lehrerin besonders im Gedächtnis geblieben: Als sich ein Schüler dazusetzte und meinte: „Findet hier wieder so eine Chemiestunde unter freiem Himmel statt?“ „Lernmotivation ist für mich nicht: Ich habe Interesse an etwas, sondern: Ich finde eine zu meinen Interessen passende Herausforderung und muss mich anstrengen, etwas zu erreichen, das auch schief gehen könnte““, erklärt sie. „Ich finde es großartig, dass die Schule solche Räume anbietet, die auch meine eigene Motivation enorm steigern.“ Dass sie im nächsten Jahr wieder eine Herausforderung begleitet, steht für Mandy Voggenauer schon fest. Am liebsten möchte sie wieder wandern, aber dieses Mal versuchen, komplett aus der Natur zu leben. Da wir in diesem Jahr schon eine Wildnispädagogin an die Schule geholt haben und „Naturverbindung und Gemeinschaft“ als Werkstatt anbieten, gibt es bestimmt Schüler, die sich dafür begeistern.“ Quelle: Margret Rasfeld, EduAction Siehe auch: Rolle der Pädagogen

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Der öffentliche Raum als Lernumgebung Auch im öffentlichen Raum lassen sich Projekte realisieren, die die Erfahrung von Zusammenhängen sinnlicher und nachhaltiger ermöglichen, als bei der rein theoretischen Auseinandersetzung mit einem Thema. Kiezdetektive und Zukunftsarchitekten – Kunstprojekt im urbanen Raum. Realisiert an der Triftgrundschule Berlin Wedding. Die Kinder machten sich auf Spurensuche in ihrem Wohnumfeld, ausgerüstet mit selbstentwickelten Seh- und Forschungsgeräten. Sie analysierten die Lebensqualität ihres Wohnumfeldes aus ihrer Perspektive und entwickelten dann Visionen und Ideen für eine radikale Umgestaltung. Sie wurden zu Stadtplanern und kreierten ein Modell ihrer Wunschstadt. Dann positionierten die Kinder ihre Wünsche und Ideen als Plakate im öffentlichen Raum und stellten ihre Wunschstadt in einer Ausstellung ihren Mitschülern, Eltern und den verantwortlichen Stadtplanern aus dem lokalen Quartiersmanagement zur Diskussion. Realisiert von der Künstlergruppe Change Reality. Hinweis: Sie können das gesamte Kapitel 5 “Lernräume” als PDF herunterladen.

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