4. Lernen zu sein

Von der direktiven Vorgabe zur intrinsischen Motivation Kapitel 4 als PDF-Download Wer tief in Berührung mit seinen schöpferischen Kräften kommt, entwickelt Selbstbewusstsein und vertraut darauf, Einfluss auf die Dinge und die Welt nehmen zu können. Wenn Schüler ihre eigenen schöpferischen Quellen, ihre Willens(bildungs)kraft und ihre Selbstwirksamkeit erfahren, dann ist das vielleicht die wichtigste Lernerfahrung einer zukunfts- und aktionsorientierten Schule. Elias Barrasch “Lernen zu Sein” für Schule im Aufbruch from Schule im Aufbruch on Vimeo. Videostatement: Elias Barrasch, Kommunikationsdesigner
Jedes Kind braucht drei Dinge. Aufgaben an denen es wachsen kann, Vorbilder an denen es sich orientieren kann und Gemeinschaften, in denen es sich aufgehoben fühlt. Margret Rasfeld
Jedes Kind trägt seine nächste Entwicklungsstufe in sich. Jeder Mensch verfügt über ihm ganz eigene Potenziale, die sich – einem individuellen Entwicklungsplan folgendend – entfalten wollen. Wenn Schulen allerdings darauf ausgelegt sind, schnellstmöglich das immer gleiche, vorprogrammierte Wissen weiterzugeben, wenn sie darauf ausgelegt sind, Kinder zu belehren statt sie ihre eigenen Erfahrungen machen zu lassen, dann können sich individuelle Fähigkeiten und Persönlichkeiten nicht ausbilden. Dadurch entsteht häufig das Gefühl von Sinn- und Orientierungslosigkeit. Viele haben nie die Chance, mit dem in ihnen schlummernden Potenzialen in Berührung zu kommen, und sie finden keinen Platz, an dem sie sich zugehörig fühlen und wirksam werden können. Aufgabe von Schule sollte daher sein, Kinder beim Bewusstwerdungsprozess ihres Selbst, ihrer Stärken und auch ihrer Schwächen, zu unterstützen. Schule sollte helfen, dass sie sich ihrer Handlungsfähigkeit bewusst werden: „Ich kann etwas bewegen und verändern. Mein Wirken, meine Existenz ist wichtig.“ Wir brauchen Menschen mit Visionen, die reich an Ideen und Vorstellungskraft sind und die Barrieren und eingefahrene Muster überwinden können: Die Erwachsenen von morgen (und von heute) müssen gemeinsam die Herausforderungen der Zukunft gestalten. Auch wenn jedes Kind ein schöpferische Potenzial in sich trägt, so benötigt es doch ein unterstützendes Umfeld, damit in Berührung kommen zu können, um dieses Potenzial zur Entfaltung bringen zu können. Jeder Mensch braucht Gelegenheiten, sich in echten und immer wieder neuen Lebenssituationen selbst zu erfahren und eigene Standpunkte entwickeln zu können. Dann kann er als Persönlichkeit reifen. Eine Möglichkeit für diese Erfahrungen ist, dass sich Schulen in Labors verwandeln: in Entdeckerwerkstätten, in denen es viele unterschiedliche Möglichkeiten und Gelegenheiten gibt, sich selbst zu begegnen um sich mit den eigenen Fähigkeiten zu verbinden. Schulen, in denen dies möglich ist, zeichnen sich dadurch aus, dass die Erwachsenen in die Entwicklungsprozesse der Schüler vertrauen. Schülerinnen und Schüler sollten bei kleinen und größer werdenden Herausforderungen ihre eigenen Entscheidungen treffen können. Sie sollten nicht nur fremde vorgefertigte Lösungen übernehmen. Damit dies gelingen kann, brauchen wir bewertungsfreie Räume, in denen sich jeder ausprobieren und die eigenen Möglichkeiten und Grenzen austesten kann. Wichtig ist hierbei, dass Fehler erlaubt sind! Scheitern, ausprobieren und experimentieren zu dürfen, ohne für Ergebnisse beurteilt zu werden, sind Grundvoraussetzungen für Prozesse rund um das Entdecken der eigenen Potenziale. Es ist wichtig, dass Kinder erleben dürfen, dass Dinge schiefgehen können. Durch solche Erfahrungen lernen sie, mit Enttäuschungen umzugehen – oder auch Flexibilität und Kreativität zu entwickeln, um Hindernisse zu überwinden. Intensive Lernerfahrungen und prägendes Wissen entstehen nicht durch das, was wir gehört oder gelesen haben. Sie entstehen durch das, was wir erfahren, erlebt und reflektiert haben. Der unmittelbare Kontakt und die lebendige Interaktion mit der Welt sind Voraussetzungen für das Bilden eines eigenen Bewusstseins. Daher ist es wichtig, dass Schulen Gelegenheiten schaffen, in denen Schüler ihre Potenziale entdecken, entwickeln und in sinnvolle Kontexte einbringen können. An unseren tradierten Schulen dominieren die Wissensvermittlung und die Wissensreproduktion. Prozesse der Bewusstwerdung haben wenig Raum. Wir haben viele Techniken entwickelt, um Menschen Kenntnisse von Dingen zu übermitteln, mit denen sie persönlich nie in Berührung kommen. Die Reaktion darauf ist häufig, dass eigene Interessen zurückgestellt werden und verkümmern. Es bleiben passive Schüler zurück, die darauf hoffen, dass es die anderen schon richten werden. Menschen, die sich darauf verlassen, dass es immer jemanden gibt, der es besser weiß.
Die lebendige und schöpferische Interaktion des Ichs mit der Welt macht dann unaufhörlicher Nachahmung Platz. Damit geht die Sicherheit verloren, die von innen kommt und gleichzeitig wächst unsere Abhängigkeit von fremdem Rat und Belehrung von außen. Rebeca Wild
Frederic Vester vergleicht die Unterrichtstechniken des Wissenstransfers, mit „dem Bau breiter Autobahnen, die uns mit Höchstgeschwindigkeit zum vorbestimmten Ziel bringen. Doch dabei bekommen wir die schönsten Landschaften und interessantesten Orte nie zu Gesicht“. Denn dafür müssen wir ein weit verzweigtes Netz von Landstraßen benutzen, auf denen man aber nur langsam fahren kann. In dieser Vielfalt, die links und rechts neben der Autobahn liegt, finden sich möglicherweise die Interessen und Leidenschaften der Schüler. Hier liegen die Themen, für die sie bereit wären. Für diese Themen würden sie aus sich heraus Kräfte und Energien mobilisieren, sich Wissen eigenverantwortlich aneignen, selbst Projekte initiieren und umsetzen. Gerade weil dort Lebensweltbezug existiert – also emotionale Verbindungen vorhanden sind – könnten sie bereit sein, Anstrengungen auf sich zu nehmen und Hindernisse zu überwinden. Kinder und Jugendliche brauchen einen geschützten Raum und eine starke Gemeinschaft, um sich und ihre Fähigkeiten kennenzulernen. Erst wenn Vertrauen und Sicherheit in der Gemeinschaft gegeben sind, können die beiden grundlegenden und existentiellen Fragen im Entwicklungsprozess gestellt werden: „Wer bin ich?“ – also: Wie bin ich gemeint? Und die zweite Frage „Was ist meine Berufung?“ – also: Was möchte ich in dieser Welt beitragen? Was ist meine Aufgabe und was ist mein Daseinszweck? Wenn Schüler Gelegenheit haben, sich diese Fragen ernsthaft zu stellen, schafft dies Vertrauen in die eigenen Möglichkeiten. Dies führt unmittelbar zur Auseinandersetzung mit der persönlichen Vision des eigenen Lebens. Wer nicht mit einer eigenen Vision in Berührung gekommen ist, für den gibt es auch kein Motiv, aktiv zu werden. Begeisterung und Kreativität entsteht dann, wenn man den eigenen Träumen nachgehen darf. Wer sich seine eigenen Träume erfüllen möchte, kann ungeahnte Gestaltungs- und Willenskräfte freisetzen. Wer Herausforderungen bewältigt und Grenzen überwindet, der sammelt Lebenserfahrungen und reift. Die Erwachsenen müssen Raum und Zeit für eigenverantwortliches, selbstwirksames und zukunftsorientiertes Handeln schaffen, damit Kinder überhaupt den Mut entwickeln können, ihre besonderen Fähigkeiten zum Leuchten zu bringen. Wir müssen Gelegenheitsstrukturen entwickeln, in denen Visionen nicht nur gedacht, sondern auch umgesetzt werden können. Ein Lebenstraum ist nicht mit dem Berufswunsch zu verwechseln. Letzterer sagt noch nichts darüber aus, warum der Weg dorthin wert ist, Anstrengungen auf sich zu nehmen. Wenn das Ziel klar beschrieben werden kann, zeigen sich auch die nötigen Schritte dorthin von selbst. Die Erfüllung des eigenen Lebenstraums wird mit Wohlbefinden begleitet sein; die Nichterfüllung geht mit Frustration, Schmerz, Selbstzweifel und Versagensängsten einher – und führt letztendlich zur Entfremdung seiner selbst und seiner Bedürfnisse. Unabhängig von unserer jeweiligen Kultur, tragen wir alle das Bedürfnis in uns, wahrgenommen zu werden: das Bedürfnis nach Begegnungen und Nähe, nach Vertrauen und Zugehörigkeit. Wie könnten Schulen zu Orten werden, an denen wir wieder lernen, diese ursprünglichsten Bedürfnisse zu respektieren? Und wie wird sich unsere Gesellschaft verändern, wenn Schulen zu Orten werden, an denen wir lernen können, uns zu zeigen, uns zu begegnen, auszudrücken was uns beschäftigt und bewegt? Orte, an denen Kinder das Vertrauen in sich selbst und andere entwickeln können? Orte, die eine lebendige Kultur des authentischen Feedbacks ermöglichen, in der jeder dem anderen hilft, derjenige zu werden, der er sein könnte? Die Fähigkeit, individuelle und gemeinsame Energie- und Kraftquellen zu mobilisieren, ist eine wichtige Schlüsselkompetenz in einer Schule der Potenzialentfaltung: Im Kern der Potenzialentfaltung steht das allmähliche Reifen des Kindes, das Mobilisieren der natürlichen Motivation und Stärken eines jeden Kindes und die Vertrauensbildung jedes Kindes in seine persönliche Visionskraft. Hinweis: Sie können das gesamte Kapitel 4 “Lernen zu sein” als PDF herunterladen.