3. Lernen zusammenzuleben

Vom Ich-Wettbewerb zur individualisierten Gemeinschaft Kapitel 3 als PDF-Download Lernen zusammenzuleben bedeutet, Vielfalt und Unterschiede als etwas Positives zu erleben und somit kooperationsfähig zu werden: Alle Beteiligten können dann kompetenter mit heterogenen Gruppen umgehen und den Mut entwickeln, das zwischenmenschliche Miteinander zu gestalten. Margret Rasfeld “Lernen zusammen zu leben” für Schule im Aufbruch from Schule im Aufbruch on Vimeo. Margret Rasfeld, Schulleiterin der Evangelischen Schule Berlin-Zentrum
“Es scheint, als müssten Bildung und Erziehung zwei Wege gehen, die zum selben Ziel führen: die langsame Entdeckung der anderen und die Erfahrung gemeinsamer Lebensziele. Dies scheint eine wirksame Möglichkeit zu sein, latente Konflikte zu vermeiden oder zu lösen.” Quelle: Lernfähigkeit: Unser verborgener Reichtum. UNESCO-Bericht zur Bildung für das 21. Jahrhundert

Inhalt:

1. Lernen zusammenzuleben. Vom Ich-Wettbewerb zur individualisierten Gemeinschaft. 1.1 Inklusion 1.2 Heterogenität – Diversity als Schatzkiste 2. Möglichkeiten und Beispiele 2.1 Zusammenleben in der Klasse 2.2 Zusammenleben in der Schulgemeinschaft 2.3 Zusammenleben in der Community 2.4 Zusammenleben in der Welt 3. Interessante Links 1. Lernen zusammenzuleben. Vom Ich-Wettbewerb zur individualisierten Gemeinschaft. In der globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts wird es zunehmend wichtig, mit Heterogenität umgehen zu können: Menschen mit unterschiedlichen sozialen, politischen und kulturellen Hintergründen sind herausgefordert, ihr Zusammenleben zu gestalten und neue Formen des Zusammenwirkens zu finden. Die positive Entwicklung einer Gesellschaft ist eng mit Sozialkapital – also der Qualität des Zusammenlebens von Gemeinschaften – verbunden. Denn, soziales Kapital entsteht dann, wenn die Akteure in Gemeinschaften dazu bereit sind, miteinander zu kooperieren und sich gegenseitig zu unterstützen. Es basiert auf Vertrauen, Netzwerken und Gegenseitigkeit. Die Soziologie definiert zwei Ebenen von Sozialkapital, diese werden als „bonding“ und „bridging“ bezeichnet. Durch Kommunikation in spezifischen Gemeinschaften entsteht beim „bonding“ spezifisches Vertrauen in „seinesgleichen“. „Bridging“ dagegen bezieht sich auf die Verbindung zu Menschen und Lebenswelten außerhalb der spezifischen Gemeinschaft. Auf dieser Ebene bildet sich ein generalisiertes Vertrauen, dieses kann z.B. interkulturell oder demografisch sein. Eine ausgeglichene Basis von Bonding und Bridging stärkt das Sozialkapital einer Gesellschaft. Vertrauen entsteht immer aus Begegnungen und dann, wenn sich Beziehungen bilden können. In der Begegnung mit anderen Lebenswelten kann sich die Angst vor dem Fremden verlieren und – ähnlich wie bei einer Reise in eine unbekannte Kultur – kann das Fremde zur Bereicherung werden. Wenn Vielfalt als Qualität begriffen wird, können Unterschiedlichkeiten sich gegenseitig bereichern und zusammenwirken. Ein gelungenes Beispiel für dieses Zusammenwirken finden wir im Ecosystem. In lebendigen Systemen agiert jedes einzelne Element als intelligenter Teil eines Ganzen. Alle sind wichtig und stabilisieren das System. Ein Sinnbild hierfür ist die blühende Wiese, die durch das zusammenleben und -wirken eine Vielfalt von Pflanzen und Insekten geprägt wird. Durch Industrialisierung und Ressourcendenken sind jedoch Monokulturen entstanden, die homogen sind und von Normierung, Selektion und Wettbewerb geprägt werden. Auch unsere Schulen sind Teil dieser Kultur. Damit sie zu Orten werden können, an denen Vielfalt entstehen kann, braucht es den Paradigmenwechsel von der Homogenität zur Heterogenität – im Klassenzimmer, in der Schulgemeinschaft und in der Öffnung der Schule in die sie umgebende Gemeinschaften und in die Welt.

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1.1 Inklusion Zugehörigkeit (sense of belonging) und Anerkennung (sense of dignity) sind zwei entscheidende Dimensionen der Persönlichkeitsentwicklung, die laut UN- Menschenrechtskonvention allen Menschen zustehen, unabhängig von Nation, Klasse, Geschlecht, Alter oder Handicap. In einem Schulsystem, das auf Selektion basiert, bedeutet dies: Jede Schule ist herausgefordert, sich einer Kultur des Miteinanders bewusst zu werden und Strukturen dafür zu schaffen, mit Diversität umzugehen. Aus der Perspektive der Potenzialentfaltung haben alle Kinder besondere Fähigkeiten und Begabungen. Jedes Kind ist wichtig und zählt. Jeder soll seine Stärken entfalten können und so seinen individuellen Beitrag in die Gemeinschaft einbringen.
“Es ist von entscheidender Bedeutung, dass alle Kinder und Jugendliche Zugang zu Bildung haben. Ebenso wichtig ist aber, dass sie am Schulleben auch aktiv teilnehmen können und durch den Unterricht die erwünschten Lernerfolge erreichen. Während häufig fachbezogene akademische Leistungen als Indikator für Lernergebnisse herangezogen werden, müssen Lernerfolge breiter verstanden werden: als Wertebildung und als Erwerb von Einstellungen, Wissen und Fähigkeiten, die für die Herausforderungen der heutigen Gesellschaft benötigt werden Auch Erwachsene brauchen entsprechende Lernmöglichkeiten, weil inklusive Bildung letztlich zum Ziel hat, dass jeder erfolgreich an der Gesellschaft teilhat und sein volles Potenzial erreicht.” Quelle: Deutsche UNESCO-Kommission, Leitlinien für die Bildungspolitik
http://www.unesco.de/fileadmin/medien/Dokumente/Bildung/3110_9_policy_guidelines_deutsch.pdf siehe auch: http://www.unesco.de/uho_0612_workshop_inklusion.html Zur Bedeutung von Inklusion für unsere Schulen und dem Unterschied von Inklusion und Integration (Bertelsmann-Stiftung): http://www.vielfalt-lernen.de/2012/05/21/„inklusion-ist-aufzuhoren-eine-gesellschaft-die-ohnehin-bunt-ist-einheitlich-zu-machen/

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1.2 Heterogenität – Diversity als Schatzkiste Gesellschaft setzt sich aus heterogenen Gruppen zusammen. Ob in der Familie, auf dem Spielplatz, in Arbeitszusammenhängen oder in sozialen Gruppen – überall treffen Menschen unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Fähigkeiten und unterschiedlicher Interessen aufeinander. Sie lernen voneinander, indem sie interagieren und miteinander kommunizieren. In der tradierten Schule wird diese Heterogenität jedoch aufgehoben. Besonders in den deutschen Schulen werden Kinder nach Alter und Leistungsvermögen getrennt. Das lässt auf eine Haltung schließen, die auf Selektion und Vereinheitlichung setzt. Aus ökologischer Perspektive sind Systeme aber dann am stabilsten, wenn sie auf Vielfalt beruhen. Vielfalt entsteht eben nicht durch Selektion und Normierung. Die Trennung von Kindern in Leistungskategorien basiert auf einem Defizitblick und einem genetischen Begabungsmodell, welches wissenschaftlich längst in Frage gestellt wird. Eine Kultur der Potenzialentfaltung setzt an den Stärken eines jeden Kindes an. Sie basiert auf der Haltung, dass jeder Mensch über Fähigkeiten und Talente verfügt und einen besonderen Beitrag zum Gelingen eines Ganzen beisteuern kann. Aus dieser Sicht ist es sinnvoll, Schulen als lebendige Erfahrungsräume von Vielfalt zu gestalten. In der Schule können verschiedenste Arten von Begegnungen stattfinden: zwischen Kindern unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Fähigkeiten, zwischen Kindern aus unterschiedlichen Kulturen und Elternhäusern, zwischen alten und jungen Menschen, zwischen der Schulgemeinschaft und Experten verschiedenster Hintergründe und zwischen Menschen, die ihre Leidenschaften und Erfahrungen mit Schülerinnen und Schülern teilen und auch von diesen lernen wollen. Durch Begegnungen und positive Erfahrungen mit Verschiedenheit wächst die Chance, dass sich Vertrauen ins Unbekannte entwickeln kann. Auf diese Weise kann ein Klima der Akzeptanz und gegenseitiger Wertschätzung entstehen. In Kürze: Lernen zusammenzuleben bedeutet positive Erfahrungen mit Diversity zu machen, kooperationsfähig zu werden, Handlungskompetenz im Umgang mit heterogenen Gruppen zu erlangen und Gestaltungsmut zu entwickeln.

Homogenität / Egosystem – Heterogenität/Ecosystem Selektionsgeist – Alle lernen miteinander Ich bin besser – Jeder steuert seine Stärke bei! Ich-Wettbewerb – Wir kümmern uns gemeinsam, jeder wird gebraucht, große Aufgaben können wir nur gemeinsam lösen Spezialisierung – Multiperspektivität Angst / man muss immer der Beste sein! – Vertrauen in das gemeinsame Lösen von Problemen Monokultur – lebendiges System

Lernen zusammenzuleben endet nicht an den Schultoren, sondern braucht die Öffnung der Schule nach draußen. Es findet auf mehreren Ebenen statt:
  • in der Klasse
  • in der Schule
  • in der Community
  • in der Welt

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2. Möglichkeiten und Beispiele 2.1 Zusammenleben in der Klasse
“Jahrgangsmischung ist die natürlichste Form des Lernens und Zusammenlebens. Jede/r kann was! Jede/r kann anderen Etwas vermitteln. Jede/r kann von anderen lernen.” Margret Rasfeld
Schon im Klassenrahmen kann ein Kosmos an Vielfalt zusammenwirken und eine Kultur der Verbundenheit, des Vertrauens und der Wertschätzung entstehen. In altersgemischten und leistungsheterogenen Gruppen erfahren Kinder und Jugendliche Unterschiedlichkeit als natürliche Form des Lernens und Zusammenlebens. Voraussetzung für gemeinsames Arbeiten sind Lernarrangements, in denen Kinder entsprechend ihrer Möglichkeiten und ihres individuellen Leistungsvermögens arbeiten können – so, wie es beispielsweise das Lernbüro ermöglicht. Auch in Projekten und Werkstätten kann jedes Kind seine Stärken entfalten, einsetzen oder auch entdecken. Beispiele Beispiel 1: Die inklusive Schule Waldhofschule Templin wurde 2010 mit dem deutschen Schulpreis ausgezeichnet. Hier lernen Kinder mit unterschiedlichen Potenzialen erfolgreich zusammen. Artikel: So geht Schule für alle! Website der Schule: http://www.waldhofschule.de   Beispiel 2: Projekt Mannschaftssegeln an der Regine-Hildebrandtschule in Birkenwerder
„Segeln heißt Teamarbeit, und ich gehöre zum Team. Ich, Oliver Bluhm, bin Rollifahrer und habe segelnd die Ostsee erobert. Ahoi, ihr Landratten!“ (1)
Nicht nur Oliver profitiert vom Inklusionskonzept an der Regine-Hildebrandt-Schule in Brandenburg. Die integrativ-kooperative Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe in Birkenwerder besuchen 683 Schüler, davon 80 Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Sowohl körperbehinderte Schüler als auch Kinder mit Förderbedarf in Bereichen wie Sprache und Kommunikation, emotionale und soziale Entwicklung und weiteren, sind an der Schule willkommen. Doch wie bewältigt diese Schule die Herausforderung, Schüler mit unterschiedlichsten Bedürfnissen und verschiedensten Fähigkeiten so zu fördern, dass alle ihre Potenziale entfalten können? Dass sie alle darauf vorbereitet werden, ihr Leben, ihre Umwelt, die Gesellschaf aktiv mitzugestalten? Offenbar gibt es zwei wesentliche Komponenten an der Schule, die dies möglich machen: Zum einen kennzeichnet sich die Regine-Hildebrandt-Schule durch ein interdisziplinäres Team aus. Das Lehrerkollegium wird bereichert durch eine Fremdsprachenassistentin, eine Sozialarbeiterin, eine Physiotherapeutin und weitere externe Mitarbeiter. Und zum zweiten geht dieses Team ungewöhnliche Wege: Eines der erfolgreichen Projekte der Schule ist das Integrationsprojekt Mannschaftssegeln. Hier wird den Schülern die Gelegenheit zu einem Segeltörn an Bord des ersten Rollstuhlsegelschiffes Deutschlands gegeben. Auf die Frage „Warum auf einem Schiff?“ antwortet der begleitende Lehrer Sven Dewitz „Auf einem Schiff verbringen die Jugendlichen 24 Stunden am Tag zusammen auf engem Raum. Hier müssen sie das Miteinander lernen. Und sie lernen Vertrauen in ihre eigenen Kräfte zu entwickeln.“ [1] von Oliver Bluhm http://www.hildebrandtschule.de/index.php?section=news&cmd=details&newsid=201 Die Regine – Hildebrandt – Schule from Schule im Aufbruch on Vimeo. Links: Zitat von Oliver Blum www.hildebrandtschule.de Links zum Segelprojekt: http://www.schule-bkw.de/ www.jakobmuthpreis.de Website der Regine-HildebrandtSchule: http://www.hildebrandtschule.de

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2.2 Zusammenleben in der Schulgemeinschaft Schule als Gemeinschaft lebt davon, dass alle Akteure sie mitgestalten. Eine demokratische Kultur des Miteinanders braucht partizipative Strukturen, die es allen an der Schule beteiligten Gruppen – Schülern, Lehrern, Eltern und Partnern – ermöglichen, sich aktiv und gleichberechtigt einzubringen. Demokratie wird dort gelebt, wo demokratisches Handeln möglich ist, wo eigenes Denken und Handeln zu Veränderungen führen oder dazu anstoßen kann. Schulen brauchen Instrumente, damit Schülerinnen und Schüler erfahren können, wie es ist, Schule mitzugestalten. Beispiele: Die Evangelische Schule Berlin-Zentrum praktiziert folgende Instrumente und Formate, in der Partizipation und Mitgestaltung möglich ist. Beispiel 1: Klassenrat und Soziales Lernen an der Evangelischen Schule Berlin-Zentrum: „Soziales Lernen“ deckt an der esbz eine Bandbreite an Themen ab, die alle mit der Frage zu tun haben: Wie können wir gut gemeinsam leben? Jede Woche haben die Klassen der Stufe 7 bis 9 ein Halbjahr lang eine Doppelstunde, um zu diskutieren und eigene Strukturen für ein Miteinander zu entwickeln. Themen wie Freundschaft, Mobbing, Außenseiter oder Zivilcourage werden von den Schülern offen und in einer wertschätzenden, ermutigenden Atmosphäre angesprochen. Für bestehende Konflikte werden Lösungen gesucht. Da in jedem Schuljahr etwa ein Drittel der jahrgangsgemischten Klassen 7 bis 9 die Klasse verlässt beziehungsweise neu hinzukommt, kommt Sozialem Lernen eine sehr wichtige gemeinschaftsbildende und inklusive Funktion zu. Der Wechsel an die weiterführende Schule ist für Kinder oft mit Unsicherheit und psychischem Stress verbunden. Gerade für die Siebtklässler ist Soziales Lernen daher ein wichtiges Element, um an ihrer neuen Schule anzukommen und ihre eigene Rolle in einer neuen Struktur zu finden. Der Klassenrat ist an der esbz als Klassenstunde mit den Klassenlehrern im Stundenplan aller Jahrgangsstufen verankert. Er ist Diskussionsforum sowie Planungs- und Handlungszentrum, das die Klasse als Verantwortungsgemeinschaft stärkt. Im Klassenrat werden Lösungen für Probleme gesucht und Ideen geboren. Der Klassenrat fördert soziale und moralische Lernprozesse, insbesondere den Perspektivenwechsel und stellt damit auch eine wirksame Prävention gegen das Abgleiten in rechtsextreme und rassistische Vorurteile im Jugendalter dar. Der Klassenrat findet an der esbz im Stuhlkreis statt und wird von ein oder zwei Schülern geleitet, die die Klasse ausgewählt hat. „Wir haben bei uns vereinbart, dass das diejenigen machen, die mündlich nicht so gut sind, und zwar für ein halbes Jahr, damit man auch was dabei lernt“, erzählt Elena. Sie selbst hatte sich im Bilanz- und Zielgespräch vorgenommen, sich mündlich zu verbessern, und daraufhin für die Klassenratsleitung gemeldet. Inzwischen hat die Zehntklässlerin, gemeinsam mit ihrer Freundin Antonia, auch schon häufig Fortbildungen für Lehrer und Schulleiter zum Thema Klassenrat gegeben. „Was mich anfangs echt überrascht hat, ist, dass beim Klassenrat plötzlich alle mitarbeiten“, erzählt Antonia. „Auch die, die sonst eher keinen Bock haben oder sehr still sind.“ Das liege daran, ist sie überzeugt, dass es um Sachen gehe, die sie selbst betreffen, und weil jeder mitreden und mitentscheiden kann. Die Klassen bestimmen auch einen Regelwächter, der darauf achtet, dass die Sitzung geordnet abläuft. „Das hat bei uns einer gemacht, der sonst eigentlich selbst immer stört und quatscht“, erzählt Elena. Als weitere, wechselnd besetzte Posten gibt es den Protokollführer und den Zeitwächter. Jede Klasse gestaltet ihre Klassenratssitzungen ein bisschen anders. Als einzig feste Grundregel gilt für alle: Die Lehrer halten sich raus. Wenn die Klasse ein Thema unter sich diskutieren möchte – beispielsweise wen sie als Vertrauenslehrer vorschlagen – kann sie die Lehrer vorübergehend aus dem Raum schicken. Ob Lehrer bei Abstimmungen mitstimmen dürfen, entscheidet ebenfalls jede Klasse für sich und themenbezogen. Durch diesen Rollenwechsel haben die Lehrer die Möglichkeit, die Schüler noch besser kennenzulernen. „Nebenbei hat es den Effekt, dass die ganzen Gruppendynamiken, die sonst nur in der Pause stattfinden, auf den Tisch kommen und bearbeitet werden können“, berichtet Cornelia Knoefel von ihrer inzwischen einjährigen Erfahrung mit dem Format. Sie ist Lehrerin an einer privaten Berufsfachschule und hat nach einer Fortbildung durch Schüler der esbz den Klassenrat in ihrer eigenen Klasse eingeführt. Zwar empfindet sie es als schwierig, ein einzelnes Detail aus dem Konzept der esbz in die eigene Schulstruktur zu integrieren, dennoch beobachtet sie durchaus positive Veränderungen: „Das ist eine hervorragende Übung für meine Schüler, dass sie selbst so ein Gruppengespräch strukturieren, es moderieren, dass sie lernen, sich gegenseitig zu Wort kommen zu lassen.“ Quelle: Margret Rasfeld, EduAction, 2011 Beispiel 2: Schulversammlung an der Evangelischen Schule Berlin-Zentrum Jeden Freitag findet an der esbz die Schulversammlung statt. Hier treffen sich alle Menschen, die an der Schule wirken: Schüler, Hausmeister, Pädagogen, Schulleitung, Sekretärin, manchmal Partner der Schule oder Gäste. Die Schulversammlung ist der öffentliche Raum der Schule, in der sich alle Beteiligten als Gemeinschaft erleben können. In der Schulversammlung werden gemeinsame Rituale gelebt, wie gemeinsames Singen. Es ist der Ort, an dem eine Anerkennungs- und Ermutigungskultur gelebt wird. Es bietet den Raum für Darbietungen, Diskussionen und es können Projektergebnisse vorgestellt werden. Manchmal sind Gäste da, die etwas vorstellen. Die Schulversammlung wird von den Kindern vorbereitet und gestaltet. Beispiel 3: Selbstbestimmte Lernformate und Peer Learning Selbstbestimmte Lernformate, in denen sich Schüler aktiv einbringen bzw. kooperieren können, sind in verschiedenen Bereichen möglich. Neben der gemeinsamen Arbeit im Lernbüro und der Unterrichtsgestaltung durch Schüler, ist es möglich, dass Schüler selbstständig Projekte oder Werkstätten für ihre Mitschüler anbieten. Dies kann eine Karatewerkstatt sein, gemeinsames Singen, ein Tanzworkshop, eine politische Initiative oder vieles mehr. Es ermöglicht den Schülern, auf der Basis ihrer Stärken und Interessen den Schulalltag mitzugestalten, andere dafür zu begeistern und gleichzeitig zu lernen, mit Gruppen umzugehen. In selbstbestimmten Lernformaten zusammen zu arbeiten, erfordert die Bereitschaft der Schüler sich aufeinander einzulassen und ermöglicht ihnen vielfältige Erfahrungen im Umgang miteinander.
“Peer-Learning – also das gemeinsame Lernen von (fast) Gleichaltrigen – ist ein wesentlicher Bestandteil des Schulkonzeptes der esbz. Es ist gemeinschaftsbildend, es ist inklusiv und die Kinder lernen von klein auf, in stets neu zusammengesetzten Teams zu arbeiten – eine Schlüsselkompetenz in einer immer enger zusammenrückenden Welt, in der komplexe Probleme zu lösen sind. Und natürlich profitieren die Kinder in ihrem Lernprozess voneinander: Nicht nur die Jüngere, die den Älteren etwas fragen kann, lernt dazu, auch der Ältere erwirbt dadurch Kompetenzen.” Quelle: Margret Rasfeld, EduAction, 2011

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2.3 Zusammenleben in der Community Zusammenleben endet nicht am Schultor. Schule kann sich in die sie umgebenden Communities öffnen und Ort der Begegnung werden. Schulen können beispielsweise Weiterbildungen für Eltern anbieten, intergenerationales Lernen unterstützen, öffentliche Veranstaltungen zu gesellschaftlich relevanten Themen anbieten oder Projektkooperationen mit unterschiedlichen Institutionen oder Unternehmen initiieren. Projektpartner, Eltern, Experten u.a. erweitern die Schulgemeinschaft und Aktionsfelder in den Communities bereichern die Schule um zusätzliche Erfahrungsräume. Siehe auch: Lernen zu Handeln (Service Learning, Projekt Verantwortung) und Rolle der Eltern Beispiele Beispiel 1: Öffnung in den Stadtteil an der Grundschule Kleine Kielstrasse in Dortmund. An der Grundschule Kleine Kielstrasse in Dortmund lernen Kinder aus vielen verschiedenen Kulturen mit unterschiedlichen Sprachkenntnissen und unterschiedlichen Leistungsvermögen erfolgreich zusammen. Die Schule gilt als Modellprojekt für den gelungenen Umgang mit Vielfalt. Sie wird zu 83% von Kindern mit Migrationshintergrund besucht und 60% der Schüler gelingt es, eine weiterführende höhere Schulbildung einzuschlagen. Neben der pädagogischen Ausrichtung ist ein wichtiger Aspekt des Erfolgs die Erkenntnis, dass die Schule auch Verantwortung für die Stadtteilentwicklung übernehmen kann. Insbesondere durch die Einbeziehung der Eltern gelingt es der Schule sich in ein aktives Zentrum der Quartiersarbeit zu erweitern. Eine feste Institution der Schule ist das Elterncafé. Es hat täglich geöffnet und dient als Kommunikationszentrum für die Eltern und wird auch durch diese betrieben. Darüberhinaus bietet es Computer-, Alphabetisierungs- und Sprachkurse und Erziehungskurse für Mütter an. Außerdem bietet die Schule Einzelfallberatungen an, verweist auf unterstützende Institutionen und bietet eine Schuldnerberatung an. Mütter aus dem Pool der „Ehemaligen“, die sich der Schule verbunden fühlen übernehmen als „Rucksackmütter“ Patenschaften für neue Mütter, die kein Deutsch sprechen und helfen durch Sprachkenntnisse der jeweiligen Ethnien Sprachbarrieren zu überwinden. Die Schule agiert schon im Vorfeld der Einschulung der Kinder indem sie bereits in den lokalen Kindertagesstätten Kontakt mit den zukünftigen Kindern und Eltern aufnimmt. http://www.grundschule-kleinekielstrasse.de/ http://schulpreis.bosch-stiftung.de Beispiel 2: Georg Christoph Lichtenberg Gesamtschule Göttingen Die integrierte Gesamtschule in Göttingen Geismar arbeitet mit heterogenen Lerngruppen, den sogenannten Tischgruppen. Je sechs Schüler und Schülerinnen sitzen und arbeiten an einem Tisch, sie rotieren jährlich. Arbeitsergebnisse der Tischgruppen werden sowohl in den Lerngruppen präsentiert, als auf Elternabenden vorgestellt, die wiederum reihum in den jeweiligen Elternhäusern der Kinder stattfinden und von den Kindern gestaltet werden. Somit entsteht nicht nur Verbindlichkeit zwischen den Kindern. Auch die Elternhäuser werden in ihrer Vielfalt für die Kinder mit Selbstverständlichkeit wahrgenommen und so verbindlicher Teil der Schulgemeinschaft. Siehe: http://schulpreis.bosch-stiftung.de Beispiel 3: Sprachbotschafter an der Evangelischen Schule Berlin-Zentrum Unter dem Motto ZUKUNFT STIFTEN – AUFBRUCH IM KIEZ hat die Evangelische Schule Berlin-Zentrum das Projekt Sprachbotschafter initiiert. Hierbei handelt es sich um ein Peer-Education-Projekt. Im Rahmen des Projektes „Verantwortung“ gehen Schüler regelmäßig 1-2 mal wöchentlich an Berliner Grundschulen, an denen 80 -95% der Kinder einen Migrationshintergrund haben. Dort gestalten sie Unterrichtsstunden und/ oder unterstützen die Kinder beim Lernen, fördern sie in ihrer sprachlichen Kompetenz, helfen bei der Hausaufgabenbetreuung oder führen kreative Projekte durch. Die Jugendlichen werden für ihre Arbeit an den Schulen zu Peer-Coaches ausgebildet. http://www.ev-schule-zentrum.de/1873.0.html Beispiel 4: Opera School Gelsenkirchen Ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie sich Communities in die Schule integrieren lassen, ist die Opera School in Gelsenkirchen. Hier werden Kinder und Familien mit Migrationshintergrund integriert. So finden sozial benachteiligte Kinder umfassende musische und künstlerische Förderung, Zugang zu Kunst und Kultur und vieles mehr. Siehe unter: www.operaschool.de

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2.4 Zusammenleben in der Welt Um ein Bewusstsein für das Zusammenleben in der Welt zu bekommen, kann man damit anfangen, in der Schule Raum für Gegenwartsthemen zu schaffen und diese aktiv aufzugreifen. Dies kann im Unterricht passieren oder in Projekten, die sich mit dem Zusammenleben in der Welt beschäftigen. Hier können sich Kinder beteiligen und dabei erleben, dass ihre Aktivitäten Wirkung zeigen. Beispiele: Beispiel 1: Das Thema Klimaschutz betrifft uns alle. Die Initiative: Plant for the Planet ermöglicht Kindern und Schulen, sich aktiv am Klimaschutz zu beteiligen und so ein Bewusstsein für die Verantwortung gegenüber dem Planeten Erde zu entwickeln. Ein Bewusstsein, das über Naturwissenschaftsräume und -unterricht hinausreicht. Nach dem Vorbild der kenianischen Friedensnobelpreisträgerin Wanghari Matthei, die 30 Millionen Bäume in Afrika gepflanzt hat, haben sich Kinder in Deutschland aufgemacht, um eine Million Bäume zu pflanzen. Siehe unter: http://www.plant-for-the-planet.org/de/ http://berlin.plant-for-the-planet.org/ http://www.ev-schule-zentrum.de/1739.0.html Beispiel 2: Alle ins Ausland an der Evangelischen Schule Berlin-Zentrum Im Jahrgang 11 gehen alle Schülerinnen und Schüler der esbz für mindestens drei Monate ins Ausland – nach Möglichkeit in ein Land ihrer Wahl – und verbringen dort Lebens- und Lernzeit in einer ihnen bis dahin eher fremden Kultur. Wenn möglich, engagieren sich die Schülerinnen und Schüler in dieser Zeit in einem sozialen oder ökologischen oder vergleichbaren Projekt. Siehe unter: http://www.ev-schule-zentrum.de/1364.0.html

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3. Interessante Links Bildung für nachhaltige Entwicklung: http://www.bne-portal.de Bildung für nachhaltige Entwicklung ist ein Bildungskonzept, das Kindern und Erwachsenen nachhaltiges Denken und Handeln vermittelt. Mit der UN-Dekade “Bildung für nachhaltige Entwicklung” (2005-2014) haben sich die Staaten der Vereinten Nationen verpflichtet, dieses Bildungskonzept zu stärken. Auf dieser Internetseite finden sich Hinweise auf Fortbildungs- und Informationsveranstaltungen, Lehrmaterialien für Unterricht oder außerschulische Angebote, Praxisbeispiele für die gelungene Umsetzung von Bildung für nachhaltige Entwicklung und vieles mehr. Anregungen für die inklusive Schule finden sich unter: Demokratische Schulentwicklung: In die Welt gehen:
  • Lernerfahrungen in Schwellen- und Entwicklungsländern: Stiftung Weltklasse www.stiftung-weltklasse.de
  • IDEM (Identity through Initiative) Unterstützung von Jugendlichen bei der Umsetzung von Initiativen, beim Engagement in Sozialprojekten und bei der Mitarbeit in Workcamps. www.idem.network.org
  • ENGAGEMENT GLOBAL Zentrale Anlaufstelle für entwicklungspolitische Engagements, sowie der Informations- und Bildungsarbeit, initiiert vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung: www.engagement-global.de
Hinweis: Sie können das gesamte Kapitel 3 “Lernen zusammenzuleben” als PDF herunterladen.

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