1. Lernen Wissen zu erwerben

Vom Instruktionskonzept zu authentischen Begegnungen mit Lernstoffen. Kapitel 1 als PDF-Download Eine Lernkultur der Potenzialentfaltung gelingt dort, wo Kinder nicht mehr belehrt, sondern als selbstbestimmte Gestalter ihres Lernweges und als kreative Entdecker ihrer vielseitigen Fähigkeiten und Potenziale ernst genommen werden. Andrea Scheer “Lernen Wissen zu erwerben” Schule im Aufbruch from Schule im Aufbruch on Vimeo. Videostatement: Andrea Scheer, Lehrerin und Coach für Design Thinking

Tell me and I forget, show me and I remember, let me do and I understand.

Konfuzius, chinesischer Philosoph, 551 – 479 v. Chr.

Inhalt:

1. Lernen Wissen zu erwerben. Vom Instruktionskonzept zu authentischen Begegnungen 2. Möglichkeiten, Beispiele, Links 2.1 Selbstbestimmtes und individuelles Lernen – Children driven education, Lernbüro, Logbuch, Zertifikatportfolio, Peer Learning 2.2 Lernen mit digitalen Medien – Interaktives und kollaboratives Lernen mit Blogs und Wikis, Mobile Klassenzimmer. 2.3 Peer Teaching – Lernen durch Lehren – Schüler unterrichten Schüler 1. Lernen Wissen zu erwerben. Vom Instruktionskonzept… Unser traditionelles Verständnis von Unterricht basiert auf dem so genannten Instruktionskonzept. Im Mittelpunkt steht der Lehrende, der Schülern vorgegebenes Wissen vermittelt und dieses mit ihnen einübt. Lehrpläne und Lehrbücher bestimmen dabei die Inhalte, das Vorgehen, die Ziele und den Zeitumfang. Die Schüler versuchen, ihr fachliches Wissen entsprechend in Übungs- und Prüfungssituationen anzuwenden. Die Lehrenden müssen dabei häufig auch gegen ihre Überzeugung die Mängel bei ihren Schülern feststellen und Abweichungen gegen fachliche Normen ausgleichen. Da das traditionelle Schulsystem auf Selektion angelegt ist, steht im Zentrum des Instruktionskonzeptes nicht das Lernen, sondern die erfolgreich absolvierte Prüfung. Im Instruktionskonzept ist Wissen eine objektive Größe, das auf Fakten beruht. Diese Fakten wurden jedoch von Wissenschaftlern und Forschern entwickelt und sind immer Konzentrate langwieriger Erfahrungsprozesse. Die Fakten wurden schließlich zu fachlichen Normen objektiviert, um die Arbeit von Fachleuten in ihren Spezialgebieten zu erleichtern. Werden diese Fakten dann in der Schule ohne den dazu gehörigen Erfahrungshintergrund vermittelt, erstarren diese Normen: Es wird nur das Ergebnis einer Erfahrung weitergeben, der Weg dorthin bleibt den Lernenden jedoch verborgen und wird für sie nicht erlebbar. Da die Kinder die Erfahrungen selbst nicht nachvollziehen können, gelingt es ihnen nur schwer, eine Beziehung zu den Inhalten aufzubauen. In der Regel kann das so vermittelte Wissen nur auswendig gelernt werden. Das Konzept der Potenzialentfaltung dagegen beruht auf der Entdeckerfreude und Gestaltungslust, der Offenheit und Lebensfreude von Kindern. Es lässt Raum für authentische und individuelle Begegnungen mit Lernstoffen. Denn Wissen lässt sich dann nachhaltig erwerben, wenn es mit Erfahrungen verbunden ist und in Prozessen des Erlebens, Interpretierens und Integrierens selbst entwickelt werden kann. Authentische Begegnungen sind die Schlüssel zu nachhaltigen Lernprozessen. Potenzialentfaltung gelingt dort, wo jeder Lernende einen persönlichen Bezug zu einem Thema herstellen kann. Sich persönlich mit einem Inhalt auseinanderzusetzen ist mehr als Sachverhalte zu begreifen. Indem Lernende eigene Wege entwickeln, erarbeiten sie sich vielfältige Einsichten, erproben sich in der aktiven Auseinandersetzung mit einem Thema und erleben ihre individuellen Gestaltungsmöglichkeiten. Potenzialentfaltung braucht daher Lerngelegenheiten und Rahmenbedingungen, innerhalb derer Schüler mit individuellen Lernwegen experimentieren können. Ein entsprechendes Lernsetting bietet wesentlich mehr, als bereits vorgefundene Antworten zu vermitteln: Es erlaubt den Lernenden, Antworten in Fragen zu verwandeln, vielfältige Aspekte eines Sachverhaltes kennen zu lernen, neue Perspektiven zu entwickeln und die eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten zu entdecken. Im lebendigen Zusammenspiel von Plenumssituationen, Gruppensituationen und individueller Arbeit können Informationen in Lerngruppen fließen, Inhalte entwickelt und vorgestellt, Erkenntnisse geteilt und reflektiert werden. Auf diese Weise wird eine Balance von Inputsituationen und eigenverantwortlichem Lernen ermöglicht. Die Schweizer Pädagogen Urs Ruf und Peter Gallin haben den Unterschied zwischen Instruktionskonzept und dialogischem Lernen mit folgender Übersicht illustriert:
Dialogisches Lernen Instruktionskonzept
Authentische Begegnungen zwischen Stoffen und Menschen ermöglichen. Wissen vermitteln und einüben
Pädagogische Kernidee Jeder Lernende soll einen persönlichen Dialog mit einer Sache aufnehmen und sich in seinem Kreis so verhalten, wie die Fachleute beim Forschen. Pädagogische Kernidee Alle Lernenden sollen eine Sache so behandeln, wie es in den Fachbüchern beschrieben ist.
Auftrag Alle machen sich auf den Weg, jeder nutzt seine Möglichkeiten so gut er kann. „Achte beim lesen eines Gedichtes/dieser Gleichung auf Deine Gedanken und Gefühle. Schreibe alles auf, was Dir durch den Kopf geht.“ Aufgabe Man muss ein vorgegebenes Ziel erreichen, wer es nicht schafft, ist ausgeschlossen.
Reisetagebuch Die Lernenden erzählen die Geschichte ihrer persönlichen Begegnung mit den Stoffen. Übungs- und Prüfungsarbeit Die Lernenden versuchen fachliches Wissen und normierte Verfahren so professionell wie möglich zu handhaben.
Rückmeldung unter der Entwicklungsperspektive Die Lehrperson interpretiert die Spuren singulärer Lernprozesse und gibt Empfehlungen für die Weiterarbeit. Korrektur unter der Defizitperspektive Die Lehrperson stellt die Mängel fest und misst die Abweichungen gegenüber den fachlichen Normen.
Zwei gegensätzliche Unterrichtskonzepte Quelle: Urs Ruf und Peter Gallin: Dialogisches Lernen in Sprache und Mathematik. Mehr Informationen zum Konzept des dialogischen Lernens von Urs Ruf und Peter Gallin finden sich hier: http://wiki.zum.de/Dialogischer_Unterricht
„In einer Welt des Wandels muss Qualitäten wie Phantasie und Kreativität ohne Zweifel ein besonderer Platz eingeräumt werden. Sie sind das Wesen der menschlichen Freiheit und ihr deutlichster Ausdruck. … Das 21. Jahrhundert braucht eine Vielfalt von Talenten und Persönlichkeiten. Es braucht ebenso außergewöhnliche Individuen, die für jede Gesellschaft unverzichtbar sind. Es ist daher wichtig, jungen Menschen so oft wie möglich die Gelegenheit zu geben, zu entdecken und zu experimentieren – ästhetisch, sportlich, wissenschaftlich, kulturell und sozial. … In diesem Sinne müssen die verschiedenen Bildungsphasen und – gebiete neu überdacht werden. Sie müssen sich gegenseitig durchdringen und ergänzen, damit alle Menschen ihr ganzes Leben lang aus einer sich immer weiter erstreckenden Bildungslandschaft den größten Nutzen ziehen können.“ Jacques Delors: Lernfähigkeit: Unser verborgener Reichtum, UNESCO-Bericht zur Bildung für das 21. Jahrhundert, 1997

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2.1 Selbstbestimmtes und individuelles Lernen – Children driven education, Lernbüro, Logbuch, Zertifikatportfolio, Peer Learning Kinder sind verschieden. Sie lernen auf unterschiedliche Weise, in unterschiedlichen Geschwindigkeiten und Rhythmen. Sie haben unterschiedliche Zugänge zu Lernstoffen und unterschiedliche Stärken. Eine Schule, welche die Potenzialentfaltung aller Kinder zum Ziel hat, berücksichtigt diese Unterschiede. Sie ermöglicht und fördert individuelle Lernwege. Die Hirnforschung bestätigt, dass Begeisterung eine Grundvoraussetzung für erfolgreiches Lernen ist. Wir wissen, dass Kinder von sich aus motiviert sind zu lernen, wenn sie die Möglichkeit haben, ihre Interessen zu verfolgen, eigenständig zu arbeiten und Entscheidungen treffen zu können.
Wer entsprechend seiner individuellen Fähigkeiten arbeiten darf und dabei die Erfahrung macht, dass seine Stärken gesehen und seine Schwächen gefördert werden, wird dies mit sehr viel mehr intrinsischer Motivation und Begeisterung tun. Margret Rasfeld

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2. Möglichkeiten und Beispiele für selbstbestimmtes und individuelles Lernen Sugata Mitra. Children driven education Ein beeindruckendes Beispiel für die intrinsische Motivation findet sich in einem Experiment, das der indische Bildungsforscher Sugata Mitra 1999 durchgeführt hat. Er installierte in einer Maueröffnung in einem Slum in Neu Delhi Computer mit Internetzugang, die per Touchscreen bedient werden konnten. Damit wollte er das Lernverhalten von Kindern in einer Umgebung ohne formale Anleitung und Überwachung eines Lehrers erforschen. Das Ergebnis war überraschend und revolutionär: Die Kinder hatten sich nach kurzer Zeit die grundlegenden Funktionsweisen des Computers selbst beigebracht und nutzten das Internet entsprechend ihrer Interessen. Das so genannte „Hole in the Wall“-Projekt demonstriert eindrücklich, dass Kinder von sich aus lernen und in der Lage sind, sich selbständig und im Austausch alles beizubringen, was sie brauchen, um ihre Fragen zu beantworten – ohne jegliches Eingreifen durch Erwachsene. Videos unter: http://www.ted.com/talks/sugata_mitra_the_child_driven_education.html?ref=nf www.hole-in-the-wall.com www.youtube.com/watch?v=Hy5-p3dtCyQ Lernbüro, Logbuch, Zertifikatportfolio, Peer Learning Lernbüro Wie lernen Kinder auf unterschiedlichen Niveaus in ihren eigenen Rhythmen? Das Lernsetting: Lernbüro, in denen unterschiedliche Arbeitsmaterialien bereitgestellt werden, ermöglicht Schülern unterschiedlichen Alters und mit verschiedenen Leistungsvoraussetzungen fachbezogenes Wissen selbst organisiert zu erarbeiten. Die Lernstoffe werden durch Lernbausteine vorstrukturiert, so dass die Schüler selbstständig durch die Lernstoffe navigieren können. Jeder Schüler entscheidet selbst, woran er wann arbeitet. Die Arbeit kann alleine oder in Gruppen stattfinden. Im Lernbüro lernen die Kinder in einer konzentrierten Arbeitsatmosphäre; jedes Kind weiß, was es zu tun hat. Somit bleibt den Lehrern Zeit, individuell auf jedes Kind einzugehen. Sie können in Einzelgesprächen oder in Gruppen Hilfestellungen und Empfehlungen für die Weiterarbeit geben und dabei helfen, die jeweiligen Lernwege zu strukturieren. Sie agieren als Lernbegleiter, Mentor oder Coach. Wichtig beim eigenverantwortlichen Lernen sind regelmäßige gemeinsame Gespräch mit den Tutoren und das Feedback im Team, um die Prozesse – inhaltlich und arbeitstechnisch – zu reflektieren. In folgendem Film präsentiert eine Schülerin der ESBZ einen Englisch-Lernbaustein: Englisch Lernbaustein You Can Do It from Schule im Aufbruch on Vimeo.   Logbuch Mit Hilfe von Logbüchern lässt sich die Arbeit in selbstverantwortlichen Lernsettings strukturieren, organisieren und dokumentieren. Im Lernbüro verschaffen sich die Schülerinnen und Schüler damit einen Überblick über den Umfang der zu bearbeitenden Bausteine, planen und dokumentieren ihre Lernwege. Auch die Arbeit in Projekten und Werkstätten wird im Logbuch festgehalten. Im Logbuch sind zudem Ziele, Erfolgserlebnisse, Vereinbarungen und Rückmeldungen nachzulesen. Es unterstützt die Kommunikation mit den Eltern und ist Grundlage sowohl für die Tutorengespräche als auch für die Ziel-und Bilanzgespräche mit den Schülern und Eltern. Beispielseite eines Logbuchs der Evangelischen Schule Berlin-Zentrum Download eines kompletten Logbuchs unter: http://www.ev-schule-zentrum.de/fileadmin/zentrum/Service_Zentrum/Downloads_Zentrum/9er_Logbuch.pdf Zertifikatportfolio Neben dem Logbuch können die Leistungen der Kinder über ein Zertifikatportfolio dokumentiert werden. Wenn die Schüler einen Baustein bearbeitet haben, melden sie sich zum Test an und erhalten ein Zertifikat über ihre erreichten Kompetenzen. In diesem geben die Lehrer differenzierte Rückmeldung darüber, was den Schülern gut gelungen ist und wie sie sich noch verbessern können. Siehe auch 6. Rolle des Lehrers und 7. Kompetenznachweis. Peer Learning im Lernbüro Foto: Elias Barrasch Eine Grundregel im Lernbüro der ESBZ lautet: Frage zuerst zwei Mitschüler, bevor Du Dich an einen Lehrer wendest. Dahinter steht die Beobachtung, dass Gleichaltrige füreinander mehr Glaubwürdigkeit besitzen und diesen aufgrund der höheren Identifikation mehr Aufmerksamkeit schenken als Erwachsenen. Das jahrgangsübergreifende Arbeiten ermöglicht dabei gleichzeitig, dass ältere Schüler die jüngeren betreuen und ihnen als Coaches einen bestimmten Zeitraum in der Woche zur Verfügung stehen. Zudem können Schüler, die in einem Fach besonders kompetent sind, als Lernbüro-Lehrer-Assistenten für alle, die Bedarf haben, ansprechbar sein bzw. von ihnen um Hilfe gebeten werden. Siehe auch: Leistungsnachweis, Lernen zusammenzuleben, Peer Teaching, Rolle der Pädagogen In Kürze Das Arbeiten im Lernbüro: - bietet den Kindern die Möglichkeit, Lernen als selbstverantwortlichen und selbst gesteuerten Prozess zu begreifen. - ermöglicht einen hohen Grad an Differenzierung: Jeder Schüler kann sein eigenes Lernvorhaben planen, durchführen und reflektierend abschließen. - ermöglicht das Eintauchen in Lernstoffe auf unterschiedlichen Niveaus. - kann alleine oder im Team stattfinden. - ermöglicht Peer Learning. Als Navigationshilfen für persönliche Lernwege können dienen: - das Logbuch - regelmäßige Tutorengespräche - die Arbeit mit gleichaltrigen Peers und Coaches - die persönliche Rückmeldung der Lehrer nach Tests - Eltern-Lehrer-Schüler-Gespräche (Ziel-Bilanz-Gespräche) Beispiele und Materialien: Das Lernbüro an der Max-Brauer-Schule in Hamburg http://www.maxbrauerschule.de Das Lernbüro der Max-Brauer-Schule umfasst 11 Stunden pro Woche für die Jahrgänge 5 bis 10 für die Fächer Deutsch, Mathematik und Englisch. Jeder Schüler kann selbständig und individuell seine Lernprozesse für diese Fächer planen und gestalten. Dafür stehen ihm verschiedene Instrumente wie Kompetenzraster, Checkliste und differenzierte Aufgaben zur Verfügung. Des weiteren hilft den Schülern das „Blaue Buch“, in das sie anhand von Wochenübersichten ihre Arbeitsziele eintragen und Ergebnisse reflektieren. In so genannten Themenkreisen kommen die Schüler neben der individuellen Arbeit auch in Gruppen zusammen, insbesondere dann, wenn Themenbereiche neu eingeführt oder wenn es – z.B. im Fach Englisch – um gemeinsame Kommunikation geht. Zeugnisformate ohne Zensuren dienen der Leistungsrückmeldung, so zum Beispiel die Bepunktung der Kompetenzraster oder strukturierte Schüler-Eltern-Lehrer-Gespräche. Quelle: http://www.hospitationsschulen.li-hamburg.de Das Lernbüro an der Evangelischen Schule Berlin Zentrum „Jeder Tag beginnt für die Schüler der Stufe 7-9 mit zwei Stunden in einem der Lernbüros, das heißt, sie können sich entscheiden, ob sie im Bereich Deutsch, Mathe, Englisch oder Natur & Gesellschaft arbeiten möchten. Im Lernbüro ist der Lehrstoff in Form von Bausteinkarten aufbereitet, die die Schüler eigenständig bearbeiten. Bei jedem Baustein können die Schüler, je nach Lernstärke, unterschiedlichen Lernpfaden mit Zusatzmaterialien folgen. Das Material hat das Kollegium der esbz selbst hergestellt, in Anlehnung an die Rahmenpläne. Individualisierung ist möglich in Bezug auf Zeitintensität pro Fach, Komplexität, Sozialform. Die Schüler bestimmen auch den Zeitpunkt für ihre Leistungsnachweise. In jedem Lernbüro ist ein Lehrer, an den sich die Schüler bei Fragen wenden können. Es gibt an der esbz jedoch die Regel, dass Schüler sich zuerst an Klassenkameraden wenden, womit wir gute Erfahrungen machen. Hier kommen auch die Zehntklässler ins Spiel, die im Lernbüro assistieren. Die Kontrolle darüber, dass ein Schüler nicht nur in seinen Lieblingsfächern arbeitet, behalten die Klassenlehrer über die sogenannten Logbücher und über regelmäßige Tutorengespräche. In jedem Fach müssen die Schüler im Laufe des Schuljahres eine bestimmte Anzahl von Bausteinen erfolgreich abschließen. Wie der Name schon vermuten lässt, hilft das Logbuch den Schülern, durch das Schuljahr zu navigieren und ihre einzelnen Lernetappen festzuhalten. Das Logbuch ermöglicht, sich jederzeit ein Bild über den aktuellen Stand zu verschaffen.“ (…) Entsprechend dem Rahmenlehrplan ist eine bestimmte Anzahl von Bausteinen vorgeschrieben, die pro Schuljahr bearbeitet und erfolgreich abgeschlossen werden müssen. Bei manchen ist eine Reihenfolge vorgegeben, da sie aufeinander aufbauen, bei anderen haben die Schüler freie Wahl. Wie viel Zeit jedoch auf einen Baustein verwandt wird, liegt weitgehend beim Schüler. Wer beispielsweise in Englisch sehr gut ist und in Mathe Schwierigkeiten hat, hat die Möglichkeit, mehr Zeit im Mathelernbüro zu verbringen, zusätzliche Übungen zu machen oder sich den Stoff nochmals erklären zu lassen, bevor er sich zum Test anmeldet. Die klassische Situation im Matheunterricht ist: Einer hat es immer noch nicht verstanden und die anderen sitzen da und langweilen sich Oder aber der Langsamere bleibt zurück und hat binnen kürzester Zeit den Anschluss verloren¬ – und die Motivation, sich weiter anzustrengen. (…) Durch das Prinzip Lernbüro und Coach steht jedes Kind mit seinen Stärken im Mittelpunkt, es wird ernst genommen und darf ohne Versagensangst und mit Anspruch sein Potenzial entfalten.() Vom Objekt, das mit Lehrstoff befüllt wird, wird es aufgrund einer Vielzahl von Gestaltungs- und Entscheidungsmöglichkeiten zum Subjekt seines Lernprozesses. - Es kann täglich wählen, welches Fach es besucht. - Es kann nach seinem eigenen Tempo und Rhythmus lernen. - Es kann unterschiedlich viel Zeit in die einzelnen Fächer investieren. - Es kann auf unterschiedlichen Niveaus und Zugängen arbeiten, entsprechend seinen individuellen Fähigkeiten. - Es kann Aufgaben mit unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad bearbeiten. - Es kann selbständig und im Team Bausteine erarbeiten. - Es kann selbst entscheiden, wann es im Stoff weit genug ist, um den Lernnachweis zu erbringen. Quelle: Margret Rasfeld EduAction Ein Einblick, wie Kinder mit Lern- und Organisationsschwierigkeiten im Lernbüro arbeiten bietet der Artikel „Kleines Lernbüro mit großer Wirkung“ von Aileen Rodewald, zu finden im 4. Newsletter, Mai 2011, der Evangelischen Schule Berlin Zentrum: http://www.ev-schule-zentrum.de/fileadmin/zentrum/Newsletter/Newsletter04.pdf Filme zum Lernbüro NEU: In den letzten Monaten haben wir verschiedene Filme zum Thema Lernbüro produziert: 1. Das Lernbüro an der Evangelischen Schule Berlin-Zentrum In einer ausführlichen Videodokumentation geben Schüler der ESBZ Einblicke in ihre Arbeit in den Lernbüros ihrer Schule: Das LERNBÜRO – DER FILM R from Schule im Aufbruch on Vimeo. 2. Das Lernbüro an der Leonardo-da-Vinci Schule, Potsdam Die Leonardo-da-Vinci Schule in Potsdam arbeitet seit dem Schuljahresbeginn 2012/13 mit Lernbüros. Welche Herausforderungen damit verbunden sind, schildern die Schulleiterin Kerstin Schmollack und die Pädagogin Anke Ulbrich in einem kurzen Filmportrait. Die Leonardo Da Vinci Gesamtschule from Schule im Aufbruch on Vimeo. 3. Fragen zum Lernbüro Auch die Gesamtschule Aachen arbeitet daran, Lernbüros zu etablieren. Während eines Workshops im November 2012 erörterten die Pädagogen ihre wichtigsten Fragen dazu mit Jenny Leonhard von der esbz. Fragen von Lehrern zum Lernbüro an Jennifer Leonhard from Schule im Aufbruch on Vimeo. 4. Das Lernbüro+ an der Evangelischen Schule Berlin-Zentrum Das Lernbüro Plus an der esbz bietet ein „PLUS“ an Hilfestellungen für Schüler: Das Team besteht aus einer Mathelehrerin, einem Sonderpädagogen für den Deutschbereich und einer Kollegin, die auf sensomotorische Mathematik spezialisiert ist. Das besondere an diesem Lernbüro ist, dass es die vier Lernbüros Mathematik, Englisch, Deutsch sowie Natur und Gesellschaft vereint und die Kinder dazu einlädt, von einem Mehr an Personal, Raumgröße, Material, Zeit und individueller Differenzierung zu profitieren. Hier sind alle willkommen: sowohl Schüler mit Förderbedarf, als auch Schüler, die sich im Lernbüro Plus zusätzliche Unterstützung holen möchten. Zudem können die Lehrer Im Lernbüro Plus verstärkt auf die individuellen Bedürfnisse der Schüler eingehen. Im folgenden Film erläutert die Pädagogin Jenny Leonhard die Arbeit im Lernbüro+ an der Evangelischen Schule Berlin-Zentrum. Aileen Rodewald Das Lernbüro PLUS from Schule im Aufbruch on Vimeo. Einblicke in die Praxis des Lernbüros an der Evangelischen Schule Berlin Zentrum finden sich auch in dem Film: „Eine Schule der Zukunft“. Ausschnitt unter: http://www.youtube.com/watch?v=liukx6_S2gg&lr=1 Der komplette Film wird von Pädagogik-Filme vertrieben: http://paedagogikfilme.de/Welt-der-Kinder/Vol–2/Schule-der-Zukunft/ Die Arbeit in Lernbüros braucht entsprechende Rückmeldung durch die Lehrer. Als Tutoren begleiten sie die Schüler, reflektieren gemeinsam Lernfortschritte, Ergebnisse und Ziele und entwickeln weitere Arbeitsschritte, sowie individuelle Lösungstrategien bei auftretenden Schwierigkeiten. Im Kapitel 6 Rolle der Pädagogen finden Sie zwei Filme zum Tutorengespräch.

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2.2 Lernen mit digitalen Medien – Interaktives und kollaboratives Lernen mit Blogs und Wikis, Mobile Klassenzimmer. Kinder und Jugendliche leben im 21. Jahrhundert, und digitale Medien prägen ihren Alltag. Sie nutzen diese zu jeder Tages- und Nachtzeit, als Informations- und Kommunikationsquellen ebenso wie als Orientierungs- oder als Vernetzungsinstrumente. Jeden Morgen allerdings, auf dem Weg zur Schule, begeben sich die meisten von ihnen wieder in Strukturen des letzten Jahrhunderts: Aus Unkenntnis über Lernkulturen, die mit der Integration von Technologien und deren Möglichkeiten verbunden sind, finden digitale Medien nur zögerlich Eingang in den Schulalltag. Die enorm gestiegene Präsenz digitaler Medien im Alltag von Kindern und Jugendlichen stellt Schulen vor die Herausforderung, zwei gegensätzliche Lebenswelten miteinander zu verbinden: Schüler, die mit den Vorzügen digitaler Medien bestens vertraut sind, lassen sich nicht ohne weiteres in ein System zurückstecken, in dem wenig Interaktion und Kommunikation stattfindet und in dem individuellen Interessen kaum nachgegangen wird. Dabei können digitale Medien das Engagement der Schüler enorm erhöhen, da ihnen diese vertraut sind und an informelle Lernerfahrungen in ihren Lebenswelten anknüpfen. Das wachsende Angebot an digitalen Geräten und die rasante Entwicklung ihrer Nutzungsmöglichkeiten haben einen unaufhaltbaren Umwälzungsprozess in allen Bereichen unseres Lebens ausgelöst. Die Vorzüge der medienvermittelten Information und Kommunikation lassen sich nicht von der Hand weisen: Es gibt vielfältige Möglichkeiten der Interaktion und Kollaboration. Information ist schnell verfügbar, Qualität vergleichbar etc.. In einer von Medien geprägten Gesellschaft sollten Schulen auch eine entscheidende Rolle bei der Vermittlung von Medienkompetenz einnehmen. Sie sollten Kindern dabei helfen zu begreifen, wie Medien funktionieren, wie sie diese für ihre Interessen nutzen, wie sie mit ihnen gestalten können. Schule sollte ihnen den Raum öffnen, sich aktiv am gesellschaftlichen Leben einer digital geprägten Kultur zu beteiligen. Informationen abrufen statt speichern Digitale Medien und das Internet ermöglichen es Schülern heute, auf das Wissen und die Informationen unserer Welt unkompliziert zuzugreifen. Lernen kann daher immer weniger als das Speichern von Faktenwissen verstanden werden. Projekte wie “Online-Lexika”, in denen ein Großteil der vorhandenen Informationen unserer Welt zusammengetragen, strukturiert und einfach zugänglich gemacht werden, führen uns die Absurdität eines Bildungssystems vor Augen, das auf Auswendiglernen basiert. Es macht keinen Sinn, nach dem Abitur alles über Monsunwinde in Indien, die zwanzigste Stelle hinter dem Komma von Pi oder andere kleinteilige Wissensgegenstände auswendig zu können, wenn es sich mit den einfachsten Mitteln nachschlagen lässt. Faktenwissen hilft uns wenig, wenn es darum geht, mit Menschen zusammenzuarbeiten die quer über den Globus verteilt, in anderen Kulturen zuhause sind und sich in dynamischen Netzwerken organisieren. Lexikonwissen kann mühelos im Internet abgerufen werden. Entscheidend ist, ob wir in der Lage sind, mit diesem Wissen konstruktiv umzugehen, es einzuordnen und es entsprechend vorhandener Fragestellungen zu verknüpfen. Interaktion und Kollaboration Das Internet hat eine neue Lernkultur geschaffen, die sich durch kollaboratives Lernen auszeichnet. Damit verbindet sich ein Paradigmenwechsel des Lernens. Im Internet zu lernen heißt nicht, nur auf den Bildschirm zu starren und passiv zuzuhören. Viele Plattformen und Angebote im Web funktionieren gerade nur deswegen, weil die Nutzer selbst ihr Wissen einbringen und in Foren, Blogs oder sozialen Medien die Fragen ihrer virtuellen Klassenkameraden beantworten können. Im Unterschied zur tradierten Schule, in der Lehrer Lernstoffe und Lernwege definieren, werden Schüler ihre Inhalte künftig zunehmend selbst organisieren. Hierbei tragen sie relevante Inhalte aus dem Internet zusammen, verknüpfen und produzieren Neues, um es anschließend mit ihren Gruppenmitgliedern, der Klasse oder einer Öffentlichkeit zu präsentieren. Es wird gemeinsam an Dokumenten geschrieben, gelesen und diskutiert. “Social Reading” wird das genannt. Wird beispielsweise ein komplexer chemischer Vorgang von einem Schülerteam beschrieben, so können sie die Inhalte und Recherche aufteilen und doch gemeinsam in einem Onlinedokument schreiben. Dabei können die Passagen der anderen Schüler markiert und live kommentiert, Fragen gestellt und Diskussionen entfacht werden. So behalten sie den Überblick, wie viel sie schon erreicht haben und motivieren sich gegenseitig durch die Lerninteraktion. Beispiele für solche online basierten Werkzeuge sind: Online Dokumente: Mit Hilfe von „Google Docs“ und „Primarypad“ lässt sich gemeinsam an Dokumenten im Internet schreiben, lesen und kommentieren. Anwendungsbeispiel unter: https://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=S3kzdKPqpI8 Social Reading auf: http://www.iversity.org/ Von den Besten Lernen Mit neuen Technologien eröffnen sich neue Möglichkeiten für die Gestaltung von Unterricht und Schule: Der Zugang zu relevanten Unterrichtsmaterialien wird immer größer. Noch nie hatten so viele Menschen auf der Welt die theoretische Möglichkeit, an Bildung teilzuhaben. Immer mehr Bildungsinstitutionen entdecken die Möglichkeiten, z.B. Videos und Podcasts ihre Lehrveranstaltungen oder ihr Lehrmaterial über Onlineplattformen bereitzustellen. Auf Plattformen wie iTunes U und der Khanacademy kann am gesamten Curricula von der allgemeinbildenden Schule bis hin zu Fachklassen auf Universitätsniveau teilgenommen werden. Manche Universitäten, wie die Stanford University oder das Massachusetts Institute of Technology (MIT) entwickeln bereits komplette digitale Kurse mit entsprechenden Begleitmaterial und Prüfungslisten. Und die Harvard University hat sich in der Initiative EdX mit dem MIT zusammengeschlossen und bietet Onlineversionen ihrer Kurse an. Durch die Aufzeichnung von Fachkonferenzen, den Unterricht an herausragenden Schulen und Universitäten, Forschungseinrichtungen etc. explodiert die Menge an qualitativ hochwertigen digitalen Unterrichtsmaterialien, die für jeden, der Zugang zum Netz hat, verfügbar sind. Man stelle sich vor, wir hätten heute in unseren Klassen direkten Zugriff auf die Vorlesungen von Max Planck, Albert Einstein und vieler anderer großartiger Wissenschaftler. Links: Stanford University MIT- Massachusetts Institute of Technologie edX ist eine Partnerschaft aus Harvard und MIT um Millionen Menschen auf der ganzen Welt online lernen zu ermöglichen Nischeninteressen bedienen Mehr als alle anderen Medien verkörpert das Schulbuch die Schule des Gleichschritts. Warum muss in der Schule jeder das Gleiche tun und können? Brauchen wir im späteren Berufsleben nicht eher vielseitig interessierte Persönlichkeiten, die unterschiedliche Fähigkeiten und Perspektiven haben? Online basierte Kommunikationstechnologien erlauben es, den Unterricht personalisierter und nach den Interessen jedes einzelnen Schülers zu gestalten. Wurden gestern Inhalte durch standardisierte Arbeitsblätter oder Schulbücher für die gesamte Klasse vorgegeben, so ist das heute nicht mehr nötig. Denn alle Inhalte, auch zu den ausgefallensten Themenbereichen, sind mittlerweile im Internet frei zugänglich. Wenn sich früher in einem Klassenverband nur 3 Personen für ein spezielles Thema begeistert haben, wurde dieses Thema auch nicht aufgegriffen. Entweder weil die 25 anderen sich nicht langweilen sollten oder aber weil es schlicht keine Lehrmaterialien dafür gab. Das Potenzial neuer Medien liegt darin, mit individuellen Zielvereinbarungen Schülern die Möglichkeit zu geben, ihren Nischeninteressen nachzugehen. Denn heute gilt nicht mehr, dass es zu den ausgefallensten Themen keine Materialien gibt. Eine Lernkultur der Potenzialentfaltung ist das Gegenteil von Gleichschritt.
„Individuelles lernen heißt nicht, jeder lerne Dasselbe allein, sondern alle lernen gemeinsam Verschiedenes.“ Lisa Rosa
Wissen dort abrufen und aufbauen, wo es relevant ist Durch den Einsatz von digitalen Medien öffnet sich das Klassenzimmer in die Welt. Informationen lassen sich über Webseiten und Videos aus der ganzen Welt ins Klassenzimmer holen. Auf diese Weise kommunizieren Schüler mit Menschen rund um den Globus, sie führen Interviews per Skype, nehmen Kontakt mit Experten auf – wenn diese sich möglicherweise gerade in der Arktis aufhalten. Oder sie vernetzen sich mit Forschern, die an ähnlichen Fragestellungen arbeiten. So lässt sich bereits in der Schule eine Medienpraxis erlernen, die in der Arbeitswelt längst Realität ist. Für alle, die heute zur Schule gehen, wird es zunehmend wichtig, global agieren und sich in einer vernetzten Welt erfolgreich einbinden zu können. Dies bedeutet, in der Lage zu sein, sich in verschiedenen Kulturen, Arbeitsformen und unternehmerischen Kontexten zurechtzufinden. Entscheidend werden authentische Persönlichkeiten sein – die mit Technologien umgehen aber nicht durch diese ersetzt werden können. Und: Wenn nicht in der Schule, wo sonst sollte der Raum für die Ausbildung eines intelligenten Umgangs mit neuen Medien entstehen, die Kinder und Jugendliche im späteren Berufsleben als Schlüsselqualifikationen brauchen? Mit dem Einsatz neuer Medien wird die Welt zum Klassenzimmer. Direkt am Ort des Geschehens zu sein und die Geschichte zu erleben, sie zu emotionalisieren, ermöglicht den Schülern eine gänzlich neue Lernerfahrung. Beispiele: 1. Project Noah Project Noah ist eine Onlineplattform, die dazu dient, wild lebende Tiere in der eigenen Umgebung kennenzulernen und das Wissen über sie zu dokumentieren. Ähnlich wie Wikipedia lebt dieses Online-Tool von der Interaktion der Nutzer. Diesen ist es auf einfache Weise möglich, das Wildleben in ihrer direkten Umgebung festzuhalten. Schüler können einer globalen Gemeinschaft aus Forschern ihre Fragen über Tiere und Pflanzen stellen, die ihre Eltern oder Biologielehrer oft nicht beantworten können. Man stelle sich das Potenzial von einem Biologieunterricht vor, der draußen in der Natur stattfindet und in dem dennoch – dank moderner Technologie von z.B. Smartphones – auf alle relevanten Informationen zugegriffen werden kann. “Was wird später aus dieser Raupe für ein Schmetterling? Ist dieser Pilz giftig? Oder: Wie viele dieser Vögel leben in diesem Wald?” 2. Bundeszentrale für politische Bildung “Chronik der Mauer App” Hier wurde mittels GPS-gestützter Technologie ein Bildungsszenario entwickelt, das Schüler politische Bildung hautnah als Erlebnis erfahren lässt. Die Schüler sollen sich hierbei die Geschichte der Berliner Mauer selbst aneignen. Sie gehen raus in die echte Welt. Als interaktiver Reiseführer bietet die App verschiedene Mauertouren. Herzstück der Software sind geführte Touren entlang von Mauerresten, Denkmälern und Orten, an denen die Geschichte der Teilung Deutschlands geschrieben wurde. Das Programm dokumentiert zudem die dramatischen Ereignisse vom Mauerbau bis zum Mauerfall anhand von etwa 250 Fotos, 50 O-Tönen, 25 Videos und zahlreichen Texten. Besonderer Wert wurde auf eine möglichst genaue Wiedergabe des Mauerverlaufs mit Hinterlandmauer, Todesstreifen und dem so genannten vorderen Sperrelement gelegt. Dabei dominiert nicht nur die Sicht vom Westen auf die Mauer. Zahlreiche Fotos zeigen auch, wie Menschen auf der anderen Seite die Sperrzone gesehen haben. 3. Flipped Classroom Ein weiterer möglicher Ansatz stellt das Konzept des traditionellen Klassenraums auf den Kopf: Die Schüler schauen sich zuhause und in ihrem eigenen Tempo den Input eines Lehrers als Video an, um anschließend, für die „Hausaufgaben“ im Klassenraum zu sein. Dort geht dieser Lehrer von Schüler zu Schüler und hat so die Möglichkeit auf jeden Schüler entsprechend dessen individueller Fragen oder Schwierigkeiten einzugehen. Im Schulverband kommen die Schüler also vorbereitet zusammen und arbeiten an ihren Projekten. Schule wird somit zur Basisstation und kann sich wichtigeren Aufgaben als der Vermittlung von Faktenwissen widmen – wie zum Beispiel der Förderung individueller Fähigkeiten und Talente oder auch gemeinschaftlichen Aktionen. Ein Notebook wird niemals einen Lehrer ersetzen. Digitale Medien bleiben ein Werkzeug der Informationsvermittlung und zielen auf die Stärkung der Kompetenzen der Schüler. Sie dürfen nicht zum Selbstzweck werden. Das Lernen auf Tablet-Computer und mit anderen digitalen Medien kann den traditionellen Unterricht nicht ersetzen sondern nur ergänzen. Dennoch müssen wir uns fragen, wie Lernarrangements mit Hilfe von Internettechnologien verbessert werden können und welche Rolle dann die Lehrer einnehmen. Wofür setzen wir Erzieher, Lehrer und Professoren künftig optimal ein? Wir haben Google Earth für den Erdkundeunterricht, immer bessere Sprachkurse und Trainer in Form von Apps, es gibt dutzende Lehrfilme über Tiere und Pflanzen auf Youtube und anderen Plattformen, virtuelle Übungsplattformen für Mathematik und Physik. Es stellt sich die Frage, was wir vor dem Bildschirm lernen können und was wir von inspirierenden Menschen erfahren sollten? In der Rolle des Lehrers wird es wichtiger, dem Schüler Zeitmanagement beizubringen, für ein motivierendes Lernumfeld zu sorgen oder soziale wie emotionale Themen zu behandeln, die Einfluss auf das Lernen haben. Digitale Medien haben zwar die Lernmöglichkeiten enorm erweitert. Dennoch ist klar: Je weiter die Virtualisierung des Lernens fortschreitet, desto dringlicher wird der Bedarf nach qualitativen Begegnungen zwischen Menschen. Online oder “face-to-face” sind keine Alternativen, sondern ergänzen sich jeweils. Schule kann eine neue wichtige Rolle dabei einnehmen, qualitativ hochwertige Räume der Inspiration und des Austausch, zwischen Praktikern, Experten und Schülern zu schaffen. Weitere Tools des digitalen Lernens Viele Werkzeuge des digitalen Lernens sind heute ohne Programmierkenntnisse zu bedienen. Die Einstiegsschwelle ist extrem niedrig geworden. Mit Wikis und Blogs lassen sich einfach kollaborative Lern- und Informationsplattformen schaffen um eigene Projekte zu dokumentieren, um weltweit zu interagieren oder eigene Arbeiten zu präsentieren. So werden aus Schulen Forschungsstationen, die in einem lebendigen und offenen Austausch mit ihrer Umwelt sind. Blogs Blogs eignen sich gut für die Arbeit an Projekten. Hier lassen sich Materialien wie Bilder, Videos und Textmaterial zusammentragen, dokumentieren, reflektieren und präsentieren. Auf öffentlichen Blogs kann die Arbeit der Schüler in der realen Welt wahrgenommen und wertgeschätzt werden. Das gibt ihnen das Gefühl von Wirksamkeit und verdeutlicht die Relevanz des erarbeiteten Stoffs. Blogs sind eine gute Möglichkeit, um Kommentare und Feedback von außen einzubeziehen, Kollaborationen mit Projektpartnern einzugehen und sich mit anderen Akteuren weltweit zu vernetzen. Blogs lassen sich auch als individuelle Online-Lerntagebücher nutzen, die den Schülern zur Organisation und Reflektion ihres Lernens dienen. Diese können von Lehrern eingesehen und betreut werden. Über die Arbeit mit sogenannten EDU-Blogs informiert die Expertin für Lernen im Internet und Lehrerfortbildung Lisa Rosa auf ihrem Blog: blogwerkstatt. Hier finden sich eine Vielzahl von Umsetzungsbeispielen an Schulen, Erfahrungsberichte, Anleitungen zur Erstellung von Blogs, Informationen zu Rechtsfragen, Links und vieles mehr. Beispiele von Projektblogs an Schulen: Emilie Wüstenfeld Gymnasiums in HH Schule Langenhorn Beispiel von Edu-blogging in Canada Wikis Auf Wikis können Arbeitsmaterialien gesammelt und zur Verfügung gestellt sowie individuell bearbeitet werden. Sie können als virtuelles Schulbuch dienen, in dem jeder mitschreiben kann. Lehrer, aber auch Schüler können auf Wikis gemeinsam Materialien erarbeiten, ablegen und sich gegenseitig zur Verfügung stellen. Beispiel: Die Kaiserin Augusta Schule Köln integriert neue Medien und damit verbundenen partizipative Arbeitsformen in den Unterricht – mit dem Ziel, individualisiertes und selbst bestimmtes Lernen zu fördern. Ihre Lernplattform KAS-WIKI versteht sich als „eine Plattform zum gemeinschaftlichen Lernen, Lehren, Nachdenken“. Das SchulWiki wird hauptsächlich von Schülern gestaltet. „Hier gibt es von den Schülern erstellte Quiz, Begriffserklärungen, Mathematikaufgaben samt Lösungsweg, Versuchsbeschreibungen, philosophische Abhandlungen, ein sozialwissenschaftliches Forum, physikalische und chemische Formeln, Musik, Videos und vieles mehr – und sogar eine Klassenarbeit, die im Wiki geschrieben wurde.“ Erstellung von wikis: http://www.wikispaces.com/ http://lehrerfortbildung-bw.de/werkstatt/cms/wiki/dokuwiki/ http://www.schulwiki.org/wiki.cgi Mobile Klassenzimmer mit Tablets und Smartphones Der Musiker und Lehrer an der Kölner Kaiserin Augusta Schule André Spang setzt in seinem Unterricht Tabletcomputer als universelle Lernhilfen ein. Mit Tablets oder Smartphones lassen sich Tafelanschriften abfilmen, die anschließend online auf Youtube, dem Schulwiki oder auf dem Unterrichtsblog dokumentiert werden und zur Verfügung stehen. Sie ermöglichen es, schnell auf Wissen und Informationen im Netz zuzugreifen und in den Klassenraum zu holen. Sie lassen sich leicht für Forschungsvorhaben außerhalb der Schule verwenden, da sie leicht sind und vielfältige Möglichkeiten zur Dokumentation von Rechercheergebnissen bieten (Audio- und Videoaufnahmen, Fotos, Text). Interview mit André Spang zu seiner Unterrichtspraxis I-Pad Projekt an der Kaiserin Augusta Schule Köln: http://ipadkas.wordpress.com/ Unterrichtsbeispiele: http://ipadkas.wordpress.com/category/unterrichtsbeispiele/ Städtische Gemeinschaftsschule Effey: Umsetzung einer virtuellen Tafel mit wenigen Mitteln siehe: http://www.ipad-klasse.de/styled-8/index.html Wie Lehrer mit Wikis, Blogs oder Tabletcomputern arbeiten lässt sich auf folgenden Seiten nachvollziehen: Auf dem Blog EduShift erklärt Felix Schaumburg, wie er Plattformen und iPads nutzt um seinen Unterricht zu gestalten. Thorsten Larbig ist Lehrer und setzt Wikis und Blogs im Unterricht ein, zudem initiiert er ein Lehrerblog zum digitalen Lernen. Website von Beat Döbeli Honegger, Dozent für Medienbildung und Informatikdidaktik und Leiter der Projektschule Goldau, CH BYOD: Bring your own device Es stellt sich häufig die Frage, ob jeder Schüler das gleiche technische Gerät braucht. In einigen Schulen hat sich etabliert, dass jeder Schüler sein eigenes bevorzugtes digitales Gerät mitbringt. Digitale Medien sind Werkzeuge, um Informationen abzurufen und zu erstellen. Die Geräte können sich in ihren Funktionen ähneln oder aber auch ergänzen. Bestimmte Geräte haben ihre Stärken in der Video und Fotoaufnahme, andere sind zum Recherchieren im Netz besser geeignet. Auch hier gilt: Nicht jedes Gerät muss dasselbe können. Spannend wird es, wenn die Schüler sich gegenseitig mit den Vorzügen der unterschiedlichen Geräte unterstützen und so zum gemeinsamen Gelingen eines Projektes beitragen.

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2.3 Peer Teaching – Lernen durch Lehren – Schüler unterrichten Schüler Peer Teaching Lernen ereignet sich immer dann, wenn es gelingt, Begeisterung für einen Lerngegenstand zu entfachen und persönliche Zugänge zu diesem herzustellen. Viele Pädagogen machen die Erfahrung, dass Kinder und Jugendliche besser von- und miteinander lernen, als durch den Input von Erwachsenen. Peer Teaching geht davon aus, dass Kinder selbst Fragen mitbringen, die sie untersuchen wollen. Es ermöglicht ihnen, diese Fragen zu stellen und Antworten darauf zu entwickeln. Beim Peer Teaching übernehmen wechselnde Teams die Unterrichtsgestaltung. Somit findet Lernen bereits in der Vorbereitung statt, indem Inhalte reflektiert und für die Mitschüler didaktisch aufbereitet werden. Diese aktive Auseinandersetzung mit einem Thema setzt sich dann fort, wenn das Thema gemeinsam mit den Mitschülern reflektiert wird. „Jedes Kind hat Fragen und Spaß an der Auseinandersetzung mit diesen Fragen“, sagt die Naturwissenschaftslehrerin Mandy Voggenauer (Evangelische Schule Berlin Zentrum). „Ich lasse die Kinder den Unterricht weitgehend selbst erarbeiten. Wenn Kinder die Unterrichtsgestaltung übernehmen, ist die Aufmerksamkeit und Beteiligung der Klasse bei 100%. Kein Kind sagt: Ich habe keinen Bock.“ Somit kann aus der Beteiligung der Kinder Wissen, Wertschätzung und Teambewusstsein entstehen. Beispiel: Wie es aussehen kann, wenn Schüler Schüler unterrichten, findet sich in folgendem Film: „Neues Lernen begleitet von der Blue Economy“ Lernen durch Lehren Lernen durch Lehren ist eine Form des Peer Teachings, also der schüler- und handlungsorientierten Unterrichtsmethoden. Der Eichstädter Didaktiker Jean-Pol Martin hat sie als ein pädagogisches Gesamtkonzept entwickelt und verbreitet und somit die moderne Form des Peer Teachings geprägt. Die Schüler lernen, indem sie den jeweiligen Stoff mit Hilfe des Lehrers didaktisch aufbereiten und ihren Mitschülern vermitteln. Anders als bei Referaten oder Präsentationen wird die Klasse dabei aktiv einbezogen. Die lehrenden Schüler sorgen als Moderatoren mit von ihnen gewählten Methoden für einen motivierenden Unterrichtsverlauf. Dabei unterstützt der Lehrer den Vorbereitungs- und Lehrprozess im Sinne eines Lernbegleiters, d.h. die Verantwortung dafür wird nicht wie beim Peer Teaching komplett an die Schüler delegiert. In Kürze Peer Teaching und Lernen durch Lehren: - ist schülerzentriert und handlungsorientiert - fördert die Beteiligung und Motivation, die Schüler sind wesentlich aktiver - erlaubt die selbständige Aneignung und einen individuellen Zugang zum Stoff - ermöglicht die Verdeutlichung des Inhalts aus der Perspektive der Lerner, der Inhalt wird intensiver und vielseitiger behandelt - schafft eine offenere Kommunikation zwischen den Schülern und macht Verständnislücken dadurch leichter sichtbar - ermöglicht dem Lehrer, schneller und gezielter auf Lernschwierigkeiten in der Klasse oder bei Einzelnen zu reagieren - fördert soziale Fähigkeiten und Schüsselqualifikationen wie: Kreativität, Selbständigkeit, Teamfähigkeit, Planungsfähigkeit, Zuverlässigkeit, Selbstbewusstsein, Präsentations- und Moderationskompetenz Beispiele: Jean Pol Martin erklärt Lernen durch Lehren Jean Pol Martin in Reinhard Kahls Film „Treibhäuser der Zukunft“ Anleitungen und weiterführendes Material: Die offizielle Website von Lehren durch Lehren (LdL) bietet gut sortiertes Material zur Einführung und Vertiefung von LdL im Unterricht. Auf der Website der Katholischen Universität Eichstädt Ingolstadt finden Sie zusätzliches Material, das sie bei der Einführung von LdL in den Unterricht der verschiedensten Fächer unterstützen kann: http://www.ku-eichstaett.de/Forschung/forschungsprojekte/ldl Unter anderem finden Sie hier: Die didaktischen Briefe von Jean-Pol Martin: In drei „Didaktischen Briefen“ hat Jean-Pol Martin Anleitungen verfasst, die den Weg in die Methode LdL an konkreten Beispielen aufzeigen. Umfassendes Unterrichtsmaterial: Viele Lehrkräfte, die LdL erfolgreich im Unterricht einsetzen, haben für verschiedene Fächer Unterrichtsmaterialien zusammengestellt. Diese Materialien sind hier als Word-Dokumente oder PDF-Dateien abrufbar. Hinweis: Sie können das gesamte Kapitel 1 “Lernen Wissen zu erwerben” als PDF herunterladen.

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