IX. Weiterlernen

Hinweis: Sie können sich das gesamte Kapitel 9 “Weiterlernen” als PDF herunterladen. 9.-Weiterlernen_550-m7fpnbpfchrsxcv5uxa6sw2e4jquumxoo4vgvb72lw
Fürchte dich nicht vor dem langsamen Vorwärtsgehen, fürchte dich nur vor dem Stehenbleiben. Chinesische Weisheit
Phase IX/ Teil 1 – Weiterlernen from Schule im Aufbruch on Vimeo. Sie haben es geschafft: Sie haben Ihre Schule (ein wenig) verwandelt! Sie haben sich als „Schule im Aufbruch“ bewiesen, eine Transformation bewerkstelligt. Und weil Transformationen lebendige Prozesse sind, bedeutet das auch: Die nächste Transformation steht schon vor der Tür! Das ist nun nicht unbedingt Ihre Baustelle, auch nicht die Ihrer bisherigen Mitstreiter – sie alle haben sich eine Pause mehr als verdient. Doch was liegt näher, als dass Sie mit Ihrer frischen Erfahrung der nächsten Generation von Transformatoren beratend zur Seite stehen? Denn gerade Sie wissen besser als jede(r) andere, wie sich ein solcher Prozess anfühlt und wie man anstrengende Phasen meistert. Schulen sind Orte des Lernens – davon muss man niemanden überzeugen. Doch meistens wird dabei lediglich an die lernenden Schülerinnen und Schüler gedacht. Eine „Schule im Aufbruch“ dagegen befasst sich kontinuierlich mit dem Thema Lernen auf mehreren Ebenen: Selbstverständlich geht es ganz viel auch um das Lernen der Schülerinnen und Schüler. Aber ebenso selbstverständlich geht es um das Lernen der Lehrenden, der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, ja sogar um das Lernen der Eltern, die ja immerhin die Hauptpersonen im Leben der Kinder und auch in der Schulgemeinschaft wichtige Akteure sind. Und nicht zuletzt: Es geht auch um das Lernen des Systems Schule an sich – sowohl konkret an Ihrer Schule als auf gesellschaftlicher Ebene.
Lernen ist wie Rudern gegen den Strom. Sobald man aufhört, treibt man zurück. Benjamin Britten
So wird Ihre Schule zu einer lernenden Schule, in der Transformation nicht als ein Projekt mit einem Anfang und einem Ende betrachtet wird. Vielmehr wird der Wandel hier als ein lebenslanger Prozess verstanden, der sich über viele Generationen von Schülerinnen und Schülern, Eltern und gar Lehrenden erstreckt. Die Veränderung wird zur Konstante. Sie ist wesentlicher Bestandteil der gemeinsamen Kultur und Struktur. Alle gemeinsam halten Sie den Geist des kontinuierlichen Lernens aufrecht, ohne Identität und Essenz zu verlieren. Phase IX / Teil 2 from Schule im Aufbruch on Vimeo.

Inhalt:

1. Lernende Schule 2. Den Geist am Leben halten 2.1 Methode: Den Schulgeist malen 1. Lernende Schule 9.1-lernende-Schule_550-m7fpncn9jbt38ytspfotddtupxm82c1f09iycl5oiq
  Eine lernende Organisation ist ein Ort, an dem Menschen kontinuierlich entdecken, dass sie ihre Realität selbst erschaffen. Und dass sie sie verändern können. Peter M. Senge
Inzwischen hat sich der Begriff der „lernenden Organisation“ durchgesetzt, den Peter M. Senge maßgeblich mitgeprägt hat und der zunehmend auch auf die Organisation Schule angewandt wird. Folgende Elemente machen eine lernende Schule aus: • Systemisches Denken Die Erfahrung, dass eine Gruppe mehr ist als die Summe ihrer Teile, haben Sie bereits gemacht. Dieses „Extra“ besteht aus Gruppendynamik und aber auch aus systemischen Komponenten: In der Transformation werden sowohl die einzelnen Menschen als immer auch das System betrachtet und mitgedacht. Systemdenken erfordert zunächst nicht viel mehr als Beobachtung und die Bereitschaft, die Schule immer wieder auch als Ganzes zu betrachten: Was passiert gerade? Welche Strömungen und Gruppierungen gibt es? Welche Veränderungen haben es schwer und woran könnte das liegen? Im systemischen Denken wird analysiert, ohne nach Schuldigen zu suchen oder persönliche Befindlichkeiten herauszustellen. Hilfreich sind hier Methoden der Visualisierung wie Maps, also Landkarten. Die Methode Mindmap haben Sie bereits kennen gelernt in der Phase VI Design. Diese können Sie nun mit Pfeilen noch um die Ebene der Kausalität erweitern. Als angehende lernende Schule geht es jedoch nicht darum, dass Sie Experten für systemisches Denken werden. Es ist einfach wichtig, sich in regelmäßigen Abständen die Zeit zu nehmen, auf Ihre Schule insgesamt zu blicken, Ihre Schule als System wahrzunehmen. Unterstützen Sie einander dabei, Ihre Schule frei von zwischenmenschlichen Befindlichkeiten zu analysieren und zu visualisieren. Systemisches Denken hilft Ihnen, den Gesamtüberblick zu behalten und sich nicht in den persönlichen divergierenden Wahrnehmungen aller Beteiligten zu verlieren. • persönliche Weiterentwicklung Dieser Aspekt geht gezielt in die andere Richtung: Während Sie im systemischen Denken auf die Schule als Ganzes blicken, schauen Sie nun auf die Entwicklung eines jeden Einzelnen. Auch hier geht es nicht darum, sehr gut zu sein. Es geht vielmehr darum, Lernen und die persönliche Entwicklung als alltägliche Aufgabe wahrzunehmen, sich täglich zu fragen „Wie kann ich immer besser werden? Und was bedeutet ‚besser’ für mich?“ Dabei stehen Sie jedoch nicht alleine da, auch wenn es um Einzelne geht: In der Schulgemeinschaft suchen Sie gemeinsam nach Möglichkeiten, wie jede und jeder Einzelne maximale Unterstützung auf seinem persönlichen Lernweg erhält. Die persönliche Weiterentwicklung ist zunächst die persönliche Entscheidung eines jeden einzelnen Mitglieds Ihrer Schule, aktiv zu lernen. Lernen ist überall und immer möglich und bedarf nicht notwendigerweise Fortbildungen oder Mentorenprogramme. Lernen besteht zuallererst aus Erfahrungen und der bewussten Reflexion von Erfahrung. Hierzu genügt schon ein Tagebuch! Schieben Sie also mangelndes Lernen der Erwachsenen nicht auf die Strukturen. Strukturen können Sie zwar unterstützen. Die Entscheidung zu Lernen oder zu Reflektieren können Sie Ihnen nicht abnehmen. • Denkmodelle (mental models) Die vielleicht größte Hürde auf dem Weg hin zu einer lernenden Schule, sind vielleicht Sie selbst. Denn Sie bringen unweigerlich bestimmte Denkmodelle mit: Annahmen, Vorstellungen davon, was wahr und richtig ist. Lernen bedeutet immer auch Verlernen. Vor allem aber bedeutet Lernen immer auch Selbstreflexion. Versuchen Sie herauszufinden, welche Denkmodelle, Theorien, Wahrnehmungen und Werte sich hinter Ihren Entscheidungen und Ihrem Handeln verbergen! Begünstigen sie eine Kultur des Miteinanders und der Potenzialentfaltung? Schaffen sie Vertrauen in andere oder in Ihre Schule? Oder nähren sie eher Misstrauen und Angst? Eine lernende Schule befasst sich auf der Ebene der Einzelnen und des Systems mit den bisherigen Annahmen. Hier arbeiten die Menschen daran, sich dieser bewusst zu werden. Sie überprüfen, wie hilfreich sie sind für die selbst gesteckten Ziele. Nur in einer Denkstruktur, in der Kinder auch ohne Erwachsene wichtige Entscheidungen treffen können und sollten, ist die Einführung einer partizipativen Struktur möglich. Es liegt nun an Ihnen, eine Entscheidung zu fällen: Verbleiben Sie in einer Struktur, die Kinder fernhält von systemischen Entscheidungen? Oder arbeiten Sie einzeln und gemeinsam daran, Ihre Annahmen über Kinder und Kindeswohl zu verändern? Bringen Sie Ihre Denkmodelle in Einklang mit Ihren Transformationsvorhaben, dann haben diese eine nachhaltige Überlebenschance. • gemeinsame Vision (building shared visions) Im Bereich Vision haben Sie bereits viel erfahren: Träumen, Essenzen herausarbeiten und auch die Zielebenen des Konzeptes bauen alle darauf auf, dass Sie eine gemeinsame Vision haben. Diese ist die Grundlage sowohl für den Zusammenhalt als auch für zukünftige Entscheidungen. Ihre gemeinsame Vision und das Sinnhafte Ihrer Arbeit und Ihres Engagements, wird Ihnen Kraft geben, wenn Sie müde oder verzweifelt sind. Ihr Zugang zu der gemeinsamen Vision ist Ihr Fundament. Überprüfen Sie regelmäßig, ob es noch das Konstrukt Schule hält! Achten Sie darauf, dass Ihre Vision für Ihre Schule am Leben bleibt. Sie verschwindet allzu leicht in einer Schublade oder auf einer Internetseite. Die Vision ist kein Papier. Sie ist das, was Sie zusammenhält und sollte bei komplexen Entscheidungen immer zu Rate gezogen werden. Auch in „guten Zeiten“ sollte sie immer mal wieder zur Freude im Mittelpunkt stehen. • Team-Lernen Eine lernende Schule braucht ein lernendes Team – und auch das ist mehr als die Summe seiner Teile. Team-Lernen bedeutet im ersten Schritt: Allen Teammitgliedern sollte bewusst sein, dass alles, was ein einzelnes Teammitglied lernt, das Team-Wissen insgesamt verbessert und damit allen zugutekommt. Doch über das Lernen jedes Einzelnen benötigt Team-Lernen auch Strukturen des Gemeinsamen: des Austausches und der gemeinsamen Wissenserarbeitung. Einige Methoden kennen Sie bereits – wie story telling aus der Phase VII Umsetzung oder das wertschätzende Interview aus der Phase II Stärken und Träume oder auch mindmaps aus der Phase IV Design. Es gehört zu den alltäglichsten Aufgaben einer lernenden Schule, mit Wissen und Gruppenwissen umzugehen und Information in persönliches Wissen umzuwandeln. Was die lernende Schule darüber hinaus ausmacht, ist ein geduldiges Voranschreiten. Sie haben noch keine gemeinsamen Lernstrukturen? Sie vertrauen nicht darauf, dass alle an der Schule an persönlicher Exzellenz arbeiten? Kein Grund zur Panik! Aber genug Grund, sich in kleinen Schritten auf den Weg zu machen. Auch vorläufige Ergebnisse sind Ergebnisse! Denken Sie einfach ab jetzt bei allen Entscheidungen daran, kleine Schritte zu etablieren – und vor allem: Fangen Sie einfach schon mal bei sich an. Vorleben ist noch immer der größte Garant für erfolgreiches Lehren.

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2. Den Geist am Leben halten 9.2.-Geist-erhalten_550-m7fpndl3q5udkksfjy3fxvlbbbhla155ce6ftv4aj6Jede Innovation von heute wird – sofern sie erfolgreich ist – zum Alltag von morgen werden. Und mit dem Alltag droht die Bürokratie. Sie haben an der Flasche gerieben und den Geist der Potenzialentfaltung geweckt: Er geht einher mit Begeisterung, harter Arbeit, Freude an Herausforderungen und gar am Scheitern, Wertschätzung der Einzelnen und der Unterschiedlichkeit – und dem aktiven Lernen aller Beteiligten. Nun wird der Geist der Verwaltung sich zu ihnen gesellen und Ihnen hilfreich zur Seite stehen wollen – und tatsächlich benötigen Sie ihn auch. Neue Strukturen erfordern neue Regeln, eine neue Organisation, neue Aufgabenverteilungen, neue Abläufe. Doch der Geist der Verwaltung will Ihnen irgendwann weismachen, dass ab jetzt er zuständig sei und Sie getrost alles ihm überlassen könnten … Glauben Sie ihm nicht, sonst wird er den Geist der Potenzialentfaltung schneller ersticken, als Sie ihn retten können. Phase IX / Teil 3 – Welche Haltung braucht eine lernende Organisation from Schule im Aufbruch on Vimeo. So gilt es nun, an zwei Fronten achtsam zu sein: • Füttern Sie den Geist der Potenzialentfaltung, wo immer Sie können. Hierzu mag es hilfreich sein, ihm eine Methode Gestalt und einen Namen zu geben und ihn zum Schulmaskottchen zu machen, damit Sie ihn nicht vergessen. Auch wenn Ihnen das zu albern ist – überlegen Sie immer mal wieder, welche Nahrung Sie ihm zukommen lassen können. • Achten Sie darauf, dass der Geist der Verwaltung ein Helfer bleibt und nicht die Macht übernimmt. Achten Sie darauf, dass Ihre Schule genügend regelfreie Räume hat, in dem sich vieles natürlich entfalten darf. Fragen Sie sich bei jeder neuen Regel, ob diese wirklich notwendig ist. Fragen Sie sich immer wieder, ob Sie nicht bereits genügend Regeln haben und tricksen Sie den Geist der Verwaltung aus: Zwingen Sie ihn zur Selbstlimitation z.B. in dem beim Aufstellen einer neuen Regel immer eine alte außer Kraft gesetzt werden muss. Wenn Sie aufgrund von Regeln Entscheidungen treffen, fragen Sie sich immer wieder, ob diese Regel eigentlich noch Ihre Vision und Ihr Miteinander unterstützt oder ob Sie eventuell veraltet ist. Menschen haben eine Haltung, die maßgeblich über den Erfolg von Handlungen bestimmt. Ähnlich haben Schulen einen Geist, der darüber entscheidet, was fruchtet und was es schwer hat. Der Geist ist nicht strategisch beeinflussbar. Sie können nicht einfach entscheiden, eine neue Schulkultur zu haben. Doch Sie können immer wieder bei kleinen und großen Entscheidungen, bei kleinen und großen Zusammenkünften eine absichtliche Handlung anlegen, die jenen Geist wachsen lässt, den Sie sich wünschen. Stellen Sie sich einen Raum voller bunter und schwarzer Luftballons in gleicher Anzahl vor. Sie wünschen sich nun aber einen Raum, in dem die bunten Luftballons überwiegen. Sie haben nun zwei Möglichkeiten: Sie können Ihre gesamte Zeit den schwarzen Luftballons hinterherrasen und sie zum Platzen bringen und hoffen, dass die bunten dann noch da und intakt sind. Sie können aber auch die bunten Luftballons umsorgen, sie mehr aufblasen, sie ersetzen, wenn sie kaputt gehen. Nach und nach wird den schwarzen Luftballons die Luft ausgehen. Ähnlich ist es auch mit Ihrem angestrebten Schulgeist: Sie können alle Geister jagen, die ihn bedrohen, doch in der Zwischenzeit wird er möglicherweise verhungern. Kümmern sie sich besser liebevoll um ihn, so dass sich die Feinde gar nicht mehr an ihn heranwagen. Und das Beste: Sie beschäftigen sich die gesamte Zeit hauptsächlich mit schönen Sachen, mit dem Positiven und nicht nur mit frustrierenden Problemen.
Werte kann man nur durch Veränderung bewahren. Richard Löwenthal

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2.1 Methode: Den Schulgeist malen Eine Möglichkeit, den „Geist der Potenzialentfaltung“ in Ihre Schule einzuladen, ist, ihm ein Gesicht zu geben: 9.2.1-Schulgeist-malen_550-m7fpneixwzvnw6r2egi2idcrwpcyhq8voitxb52wgkTreffen Sie sich in einer Gruppe von Menschen, denen das Erhalten des Geistes am Herzen liegt, gerne auch über mehrere Generationen hinweg. Hierzu müssen Sie nicht einmal alle lesen und schreiben können. Nehmen Sie ein SEHR großes Papier (mind. 1,50 x 1,50) (z.B. aneinandergeklebte Tapetenbahnen oder Flipchartblätter oder Papiertischdecken) und legen Sie viele Farben bereit (z.B. Wachsmalstifte). Sie werden nun alle gemeinsam das Wesen „Schulgeist“ oder „Geist der Potenzialentfaltung“ malen, nach folgenden Regeln:
  • Es wird nicht gesprochen. Auch nonverbal wird so wenig wie möglich kommuniziert.
  • Alle dürfen gleichzeitig malen. Alle malen, was sie wollen.
  • Ein Stift darf nur auf das Papier malen, wenn er von mindestens zwei Personen gehalten wird.
  • Diese Paare müssen nach jedem gemalten Element gewechselt werden.
Sie sind erst dann fertig … wenn Sie fertig sind. Irgendwann wird sich das Gefühl einschleichen und langsam verbreiten, dass Ihr Wesen fertig ist. Hängen Sie Ihren Schulgeist nun an prominenter Stelle in der Schule auf und beginnen Sie, mit ihm zu arbeiten:
  • Sie können einen Wettbewerb veranstalten, wer für ihn/sie den besten Namen findet.
  • Sie können Flipcharts neben ihm aufstellen und die Passanten fragen, welche Assoziationen ihnen einfallen.
  • Sie können ihn umrahmen von Zetteln, auf die Passanten schreiben dürfen, wo sie ihm begegnet sind und wo er leider abwesend war.
  • etc.
Phase IX / Teil 4 – LerndeOrganisation from Schule im Aufbruch on Vimeo. Phase IX / Teil 5 Die lernende Gesellschaft from Schule im Aufbruch on Vimeo. Hinweis: Sie können sich das gesamte Kapitel “Weiterlernen” als PDF herunterladen.

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